DIE MONSTERINSEL

Erdbeben, Seebeben, Atombombenexplosionen: Japan ist und war von je her Opfer gewaltiger Zerstörungen – seien sie nun vom Menschen (die Japaner betrachten den Krieg tatsächlich als Naturkatastrophe) oder der Natur verursacht. Daher wundert es nur wenig, dass die kulturelle Sublimation dieser Ereignisse das populärste und langjährigste Genre des Monsterfilms gerade aus Japan stammt.

Doch Godzilla und Co. sind so viel mehr als nur Metaphern für den Weltuntergang. Sie sind Identifikationsfiguren für Kinder, leidenschaftliche Sammelobjekte, Stressbewältiger und Symbole der Stärke. Jörg Buttgereit hat in seinem Dokumentarfilm DIE MONSTERINSEL vor Ort einen Blick auf die Produktionen und deren Fans geworfen, befragt Darsteller, Regisseure und Fans nach deren ganz eigenem Zugang zu den Monstern.

„Eigentlich habe ich mich immer recht gut gefühlt, wenn ich solche Filme gesehen habe. Ich bin mit diesen japanischen Monsterfilmen aufgewachsen.“ So Buttgereits Antwort, als er im Deutschlandfunk einmal gefragt wurde, ob es in seiner Jugend Filme gegeben habe, die er besser nicht gesehen hätte. Daraus spricht nicht nur der neugierige und offene Charakter des Horrorfilmfans, sondern auch Buttgereits Hang zum Skurrilen und Verschrobenen, den er in seinen eigenen Filmen immer wieder unter Beweis gestellt hat. Wenn er für seine dreiviertelstündige Dokumentation also ins Flugzeug steigt und nach Japan und Chicago zu einer Monsterfilm-Convention fliegt, ist das für ihn auch eine Reise zu den eigenen ästhetischen Wurzeln.

Diese Liebe kreuzt sich mit dem Fachwissen, die Monsterfilm-Kultur hat ein beachtliches Repertoire an zu lernendem Geheimwissen hervorgebracht. Dazu zählen nicht nur die Kreaturen selbst (der Film führt die wichtigsten von ihnen vor: Godzilla, Gamera, King Kong, Megalon, King Ghidorah, Gigan und Mothra), sondern auch die Struktur der japanischen Filmproduktion, die Macher (hier vertreten durch Koichi Kawakita, Noriaki Yuasa, Shuzuke Kaneko, Shinji Higuchi und Yoshimitsu Banno) und die Monster-Darsteller. Eine Legende wie den 26-fachen Monster-Darsteller Haruo Nakajima vor die Kamera zu bekommen, macht die Dokumentation schon allein sehenswert.

Die Fülle an Details, die der ohne Latexhaut nur den wenigsten bekannte 12-fache Godzilla-Darsteller aus den frühen Tagen des Monsterfilmes zu erzählen weiß, ist bemerkenswert und hochinteressant. Unterscheidet doch die dortige Filmproduktion damals und heute so unendlich viel vom westlichen Kino. Am Beispiel des Monsterfilms wird dies besonders deutlich: Wo im US-Kino besonderer Wert auf hyperrealistische Darstellungen gelegt wird, ist es im japanischen „Kaiju Eiga“, so der Sammelbegriff für die Monsterfilme, genau andersherum. Die Japaner sehen diese Filme eher als eine Kunstform. Wenn wir ein Gemälde betrachten, dann bewerten wir es ja auch nicht danach, ob es fotografisch-realistisch ist. „Die Notwendigkeit des Echten ignorieren“, nennt einer der Monsterfilmregisseure dieses rezeptionsästhetische Prinzip.

Dass das hier aufgrund unserer Sehtradition oft kaum möglich ist, hat dazu geführt, dass die Godzilla-Filme oft belächelt werden und nur wenig Berühmtheit in der Filmgeschichte für sich verbuchen können. Das Fandom, auf das Buttgereits Film am Ende einen Blick wirft, stellt sich da schon fast wie eine Art Geheimgesellschaft dar. Auf einem regelmäßig stattfindenden Fantreffen in Chicago werden Devotionalien verkauft, Fachgespräche geführt, Berühmtheiten des Genres eingeladen und selbstgebastelte Kostüme, von denen einige Kreationen solchen von Profis wie Shinichi Wakasa kaum in etwas nachstehen, vorgeführt.

Buttgereit gelingt es, ohne jeden belächelnden Gestus und frei von Vorurteilen über diese Aktivitäten zu berichten. Sein Dokumentarfilm kombiniert Interviews, Filmszenen, einige deutsche Kinovorschauen und Bilder von Locations miteinander. Das Sprecherteam Bodo Primus und Jürgen Mai (beides bekannte Stimmen aus Hörspiel und Radio) verleihen der Dokumentation eine zusätzliche Prise von Seriosität. Die Monsterinsel wäre sicherlich bestens dazu geeignet, eine Brücke zwischen Japan und Deutschland zu schlagen – was die Filme angeht. Die Monster selbst, so das Schlusswort eines der Regisseure, schaffen es wohl nie bis hierher, „das ist ihnen einfach zu weit weg.“

Stefan Höltgen

Stabangaben:

Mit:
Haruo Nakajima
Noriaki Yuasa
Koichi Kawakita
Shusuke Kaneko
Hariken Ryu
Robert Scott-Field
Yoshimitsu Banno
u.a.

Buch und Regie: Jörg Buttgereit
Redaktion: Matthias Kremin
Kamera: Kazutomo Iwata, Greg Glomb, Shunichi Yasuda
Schnitt: Monika Bednarz-Rauschenbach
Sprecher: Jürgen Mai, Bodo Primus
Dolmetscherin: Akiko Fujino
Produktion: Westdeutscher Rundfunk Köln

Dt. Erstaufführung im WDR TV: 25. Oktober 2002 / 45 Min.