DURCH DIE NACHT MIT BRUCE LaBRUCE UND JÖRG BUTTGEREIT

Bruce LaBruce, kanadische Ikone des schwulen Undergroundfilms, trifft in Toronto den legendären deutschen Skandalregisseur und Autor Jörg Buttgereit.

„Holst Du Dir auf Slasherfilme einen runter?“ Bruce LaBruce kann nicht glauben, dass sein Gast Jörg Buttgereit sich nichts aus Pornofilmen macht. Dabei hat eine Kartenlegerin gleich zu Beginn des Abends die beiden wissen lassen, dass sie viel gemeinsam haben. Und doch sind sie, wie die Karten sagten, in vielen Dingen das verdrehte Spiegelbild des anderen. Beim Besuch einer Domina hält sich Jörg zurück, während Bruce seinen Hintern bereitwillig der Peitsche bietet. Bei den Machern des Horrormagazins „Rue Morgue“ ist der Deutsche wiederum in seinem Element. Der gemeinsame Besuch des letzten großen Pornokinos in Toronto bringt jedoch beide Provokateure des Underground in Verlegenheit: Zwischen Gelächter und Fassungslosigkeit schreitet man über klebrigen Boden durch die muffigen Sitzreihen, während auf der Leinwand das passende Programm präsentiert wird.

Diese zwei ganz speziellen Meister des Abseitigen finden in ihren Unterhaltungen viele gemeinsame Nenner: Die Gehirne Adolf Hitlers und Ulrike Meinhofs, Monogamie in hetero- und homosexuellen Beziehungen, Sex mit Fremden, Sex im Kino und die These, dass extreme Gewalt und extreme Pornographie im Film elementare Gegengewichte zum Mainstream bilden und auch bilden müssen. Ein wilder „Durch die Nacht“-Abend in Toronto, der die Reihe zu neuen Höhepunkten führt. Clip gucken

Bruce La Bruce hat sich in seiner Karriere die Bezeichnung „meistgehasster Mann im Filmgeschäft“ hart erarbeitet. Nach seiner frühen Arbeit an schwulen Punk-Fanzines widmet er sich der Regie und erzählt in ebenso drastischer wie sensibler Weise intime Geschichten, mit denen er sich großen Themenkomplexen nähert. Dabei bedient er sich seit geraumer Zeit den Mitteln des Pornofilms. „Skin Flick“ (1999) etwa untersucht die Faszination vieler Homosexueller für Autorität und Faschismus, während sich der in Berlin gedrehte Film „The Raspberry Reich“ (2004) satirisch der Baader-Meinhof-Gruppe nähert. Es ist „die Art Film, die John Waters machen würde, wäre er politischer, weniger lustig und absolut bereit, jeglichen Ansatz von Mainstream-Kompatibilität von sich zu weisen.“ (Hollywood Reporter) Der schillernde Undergroundregisseur, in dessen Filmen man die Sensibilität von Künstlern wie Kenneth Anger, Jean-Luc Godard und besonders Fassbinder spüren kann, sagt von sich: „Ich versuche grundsätzlich, mit meinen Filmen jeden irgendwie zu beleidigen.“ La Bruce arbeitet auch als Fotograf und Autor für verschiedene Magazine, darunter für den New Yorker Index. Er lebt in Toronto.

Jörg Buttgereit ist der einzige deutsche Filmemacher, der sich dem modernen Horrorfilm auf innovative Weise genähert hat. „Nekromantik“ von 1987, „Der Todesking“ von 1989 und „Nekromantik 2“ von 1991 gehören zu den schockierendsten Filmen, die je in Deutschland gedreht wurden. Während Buttgereit sich in seiner Heimat mit dem Gesetz herumschlagen muss – die Polizei stürmt Filmtheater, um Kopien von „Nekromantik“ zu konfiszieren – gewinnen seine Filme außerhalb Deutschlands viele Bewunderer. Besonders in den USA und Japan ist Buttgereit berühmt für seine blutrünstigen und doch seltsam zärtlichen Undergroundwerke. Nach „Schramm“ im Jahre 1993 konzentriert er sich auf andere Bereiche: Er führt Regie bei Musikvideos für Bands wie Shock Therapy und Die Krupps, inszeniert Folgen der internationalen Serie “Lexx – The Dark Zone”. Er ist ein gefragter Experte für Splatter- und Horrorfilme und besonders für japanisches Monsterkino, dem er bereits diverse Artikel und Bücher, Hörspiele sowie zwei Dokumentarfilme widmete. 2005 überraschte ermit seiner Inszenierung des Ramones-Musicals „Gabba Gabba Hey“. Er lebt in Berlin.

Stabangaben:

Folge 29

Mit: Bruce LaBruce, Jörg Buttgereit

Regie: Hasko Baumann

Kamera: John Toft, Fabian Meyer

Ton: Moritz Hömberg

Schnitt: Martin Eberle

Produzentin: Edda Baumann-von Broen

Producer: Robert Kreuzaler

Redaktion ZDF/ Arte: Martin Piper

Produktion: Avanti Media, 2006, 58 min.