BLUTIGE EXZESSE IM FÜHRERBUNKER
1982 drehte Jörg Buttgereit in Berlin “Blutige Exzesse im Führerbunker” auf Super 8. Wir könnten den Autor fragen. “Herr Buttgereit, warum haben Sie diesen Splatterfilm gedreht?” Er wird antworten: “Ja, weil der Norbert vom Scheißladen diese Hitlermaske aus London mitgebracht hat, und dann war es ein Blindflug”. Das ist wahrlich eine der bildenden Kunst würdige Antwort. Erst kommt das Bild, das ist seine Sache. Und dann kommt die Interpretation. Das ist die Sache anderer.
Zur selben Zeit, als Fassbinder sich in München an Hakenkreuzen berauschte und dabei den Ufa-Stil toppte (“Lili Marleen”, 1980), begann die alternative Filmszene in Berlin, autonom mit den Nazisymbolen umzugehen. Rücksicht auf Lichtgestalten wie Lili Marleen, Lale Andersen und den Führer wurde selbstverständlich nicht genommen. Für den Film “Blutige Exzesse im Führerbunker” hatte Jörg Buttgereit, 18, eine Hakenkreuzfahne selbst genäht und an die Wand gehängt. Maskenträger Norbert Hähnel, in Kreuzberg/Schöneberg als “der wahre Heino” berühmt, hatte seinen Scheißladen Sonnabends geschlossen. Ein idealer Drehort. Drehzeit: 1 Tag.
Buttgereit macht Hähnel-Hitler zum Dr. Frankenstein, der gerade dabei ist, Eva Braun zu reanimieren, während neben ihr auf dem OP-Tisch ein germanischer Zuchtbulle (Jörg Buttgereit) ebenfalls zu atmen beginnt, vom geschickten Schöpfer und Operateur Hitler aus Leichenteilen zusammengenäht. Hitler: “Die jungen Zuschauer werden mich vielleicht nicht kennen, aber ich lebe. Und ich werde aufräumen.”
Das von Hitler erweckte Paar, gedacht, eine neue Generation von Nazis zu zeugen, greift jedoch zur Axt und zerlegt Hitler in handliche Teile. Es macht sichtlich Spaß. Während das Blut spritzt und die Hand abgehackt wird, die nun nicht mehr zum Gruß erhoben werden kann, erklingt der Hohenfriedberger Marsch, des Führers Parade-Hit, jedoch seinerseits zerquetscht und überlagert mit fiesen Quietschtönen (Musik: Hermann Kopp).
Ein selbst veranstaltetes Massaker und ein Splatterfilm, der Buttgereit zum Pionier der Super 8-Szene machte, in der Punkrocker und Autonome sich wiederfanden. Heute, da es schick ist, Hitler wieder liebzuhaben (“Der Untergang”), tut es gut, “Die blutigen Exzesse im Führerbunker” wieder präsent zu wissen. Ob bewusst oder nicht, der Film fand seinen Nährboden in einer Zeit, in der es Spaß macht, sich von niemandem nichts vorschreiben zu lassen, — ob politisch, sexuell oder wie auch immer.
Der Super 8-Film war in den frühen achtziger Jahren ein leicht zugängliches und leicht benutzbares Zeug, mit dem von den Erben gehüteten Hitler-Exponat zu spielen, auf austretende Flüssigkeiten zu untersuchen (Körpersäfte, Eiter, Blut, Sperma) und es evtl. kaputtzumachen. Punk, Trash und Splatter verschafften sich Zugang zu Politik und Geschichte, dem ästhetischen und intellektuellen Griff der offiziellen Interpreten entwunden, egal ob in München, Hamburg, Berlin oder New York. Die Punkbewegung hatte mit dem Nationalen (“Deutscher Film”) nichts am Hut.
Jörg Buttgereit mit den “Blutigen Exzessen im Führerbunker” und Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris) mit “Das Leben des Sid Vicious” haben Anfang der achtziger Jahre zur Zeit vom wahren Heino die wahre deutsche Wende eingeleitet: so frei zu sein, selber Hitler und das Hakenkreuz zu befummeln und nach Gebrauch auf Trash, delete oder Datei zu drücken, ganz nach Belieben.
Dietrich Kuhlbrodt
(Auszug aus dem NEKROMANTIK-Buch, erschienen im Martin Schmitz Verlag)



