CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER

Für Fans des deutschen Undergroundfilms sind die frühen 1980er Jahre unvergessen. Während die Tödliche Doris ihre Materialexperimente unternahm, tummelt sich Jörg Buttgereit mit seinen Freunden in den Straßenschluchten Berlins und erfüllte sich die Jugendträume mit der Super-8-Kamera. Eines der amüsantesten und nachhaltigsten Ergebnisse dieser Zelluloidsandkastenspiele war der Superhelden-Kurzfilm CAPTAIN BERLIN. Diese Mischung aus Martial Arts, Science Fiction-Trash und Neuer Deutscher Welle tauchte immer wieder auf Festivals und Videoparties auf und blieb unvergessen. Und so verwunderte es wenig, dass der Meister selbst noch einmal Hand anlegte – zunächst in Gestalt eines WDR-Hörspiels, und schließlich 2007 auf der Berliner Bühne.

CAPTAIN BERLIN ist der elementare deutsche Superheld: optisch eine Mischung aus Captain America, Spiderman und Superman, reinigt er Berlin von ebensolchen Superbösewichten. Wer bot sich da für die große Kür mehr an als Adolf Hitler persönlich? Die Fabel setzt direkt am „Untergang“ an: Die Kugel, mit der Adolf Hitler 1945 im Führerbunker seinem Leben ein Ende setzten wollte, hat nur knapp das Gehirn verfehlt. Somit war es der wahnsinnigen Nazidoktorin Ilse von Blitzen möglich, Hitlers Hirn dreißig Jahre in einer Nährlösung am Leben zu halten, und im Jahre 1973 wiederzubeleben, indem sie es an einen riesigen Computer anschließt. Erneut strebt Adolf Hitler nach der Weltherrschaft. Als Komplizen soll ihm der transylvanische Vampirfürst Dracula dienen, der mittlerweile in der Gruft von Schloss Brandenburg Unterschlupf gefunden hat und selbstredend das Geheimnis des ewigen Lebens kennt. Es wird Zeit für Captain Berlin, einzugreifen und das Ruder herumzureißen, denn einst wollte er selbst ein Attentat auf den Führer verüben. An dessen Tod hatte er nie geglaubt.

Wer in der bizarr-bunten Comicrevue CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER nun einen subversiven Kommentar zum momentanen Nazi-Boom im Kino wittert, der sich seit DER UNTERGANG weltweit verbreitet (von EICHMANN über VALKYRIE bis hin zu IRON SKY reicht die Palette), liegt vermutlich nicht ganz richtig. Vielmehr ließen sich Jörg Buttgereit (Bühnenregisseur und Autor) sowie der Filmemacher Thilo Gosejohann von den Superheldencomics der 1970er Jahre inspirieren. Damals hatten nicht nur die namhaften Helden ihre Serien, sondern auch ikonische Bösewichter wie Dracula und Frankenstein. Bereits in der Zeit des Zweiten Weltkrieges trat Superman gegen die Nazis an, und in den 1970ern war bereits alles im Sinne der Popart verfügbar. Man ließ die Comichelden gegeneinander antreten.

Das ist der Ausgangspunkt:
Was wäre, wenn es auch im Nachkriegsdeutschland eine Poptradition gegeben hätte, die auf spielerische Weise die Schrecken der Vergangenheit aufarbeitete? Hätte Captain Berlin Hitlers Gehirn im Körper eines Superroboters besiegt? Hätte Dracula erkannt, dass er zum Werkzeug des wahren Bösen – importiert aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts – wurde? Hätte Ilse von Blitzen, ein Clon der berüchtigten ILSA – SHE-WOLF OF THE SS (1974) in Lederuniform und Schirmmütze, sich wirklich so viele Jahrzehnte jung und attraktiv halten können? CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER weiß die Antworten. Eine „Erlösung durch Trash“ strebt diese turbulente und mit zahlreichen knalligen Effekten aufgepeppte Filmversion des beliebten Theaterstückes an, wie es sie in Deutschland nie gegeben hatte. Und von der Presse wurde das mit offenen Armen begrüßt - wie sonst nur Christoph Schlingensiefs Etüden.

Thilo Gosejohann, durch OPERATION DANCE SENSATION (2003) mit Trashsujets und Komödien vertraut, filmte das Geschehen auf der Bühne und montierte es rasant. Und dennoch ist das purster Buttgereit: Immer auf der Grenze zwischen albernem Camp und sicherem Instinkt für kulturelle Tabus. CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER ist lustvoller Pop-Antifaschismus, unverkrampft und originell. Und nicht zu vergessen: sexy. Scarlett Johansson wirkt in THE SPIRIT jüngst fast wie die Kopie des deutschen Originals.

Marcus Stiglegger

Stabangaben:

Buch und Regie: Jörg Buttgereit
Kamera und Schnitt: Thilo Gosejohann

Mit:
Jürg Plüss
Claudia Steiger
Adolfo Assor
Sandra Steffl
Rafael Banasik
Michael Wächter
Uwe Meyer
Jörg Buttgereit
Pilo Adrian Ilea

Musik: Mark Reeder, Peter Synthetik.
Robotereffekte: Hannes Heiner
Ausstattung: Claus R. Amler
Optische Effekte: Ulli Fleischer
Licht: Veit Gries
Produktion: JB Films / Neverhorst Company

2009, 75 min.