DER TODESKING

Siebenmal letzte Stunden, letzte Minuten vor dem endgültigen Aus. Schuld ist der Todesking. Nach dem Komplex Nekrophilie wählte das Team Buttgereit / Rodenkirchen / Jelinski den Selbstmord als Sujet. Sie haben es tatsächlich gewagt, gewisse, im genialen Vorgänger NEKROMANTIK aufgetauchte Ansätze von Seriosität weiterzuführen und sich noch mehr dem wirklichen Leben anzunähern.

DER TODESKING zeigt authentische Momentaufnahmen der Entfremdung, des Leidens des Sterbens, untermalt von traumhaft schöner Musik. Buttgereit handelt seinen diffizilen Stoff nicht in einer gradlinigen Story ab, sondern in sieben Episoden, die stilistisch gänzlich unterschiedlich wie Eintragungen in ein filmisches Notizbuch wirken. Buttgereits Selbstmörder sind nicht "arm" - sie wissen, was sie tun, begehen den Freitod als bewußten Akt. Damit man keinen Augenblick den Zerfall des Stofflichen vergißt, ist eine immer mehr verwesende Leiche als roter Faden zwischen die Geschichten gesetzt. Man wird unweigerlich an Peter Greenaway erinnert. Aber im Gegensatz zum ach-so-intelektuellen Greenaway flackert hier echte, aufrührerische Poesie auf.

Christian Fuchs

"Das ist der Todesking.
Der macht, dass Menschen nicht mehr leben wollen"

Sieben Geschichten über das Ende - von Montag bis Sonntag. Eine Reflexion über das Tabu des Todes, die Grenzen des Darstellbaren, das Genre und über das Medium Film selbst. Und eine Provokation in alle Richtungen, gegen das etablierte Arthouse-Kino ebenso wie gegen die Gorehound-Nordkurve - The most beautiful destruction. Der komplexeste, kantigste und sprödeste Film des Agent Provocateur der deutschen Indie-Splatterpunk-Avantgarde.

Thomas Reitmair

TODESKING - TRIVIA

Die norwegische Band Taake covert den Titeltrack auf ihrer Split-EP "Nordens doedsengel". Der Sänger hat ein Todesking-Tattoo.

In der Montag Episode ist im Hintergrund ein Plattenspieler und daneben eine an die Wand gelehnte LP-Hülle zu sehen auf der (passend zur Einrichtung der Wohnung) ein Fisch abgebildet ist. Bei dieser Schallplatte handelt es sich um die unbetitelte 12" EP der Berliner Avantgardegruppe Die Tödliche Doris. Sie beinhaltet das Stück 7 tödliche Unfälle im Haushalt, welches sich, ganz wie der Film, mit der Allgegenwärtigkeit des Todes auseinandersetzt. Da auch Jörg Buttgereit wie die Gruppe selbst in der West-Berliner Punk- und Kunstszene der 80er aktiv war und sich beide persönlich kennen (Sänger Wolfgang Müller und Schlagzeugerin Käthe Kruse haben einen Gastauftritt in NEKROMANTIK 2), könnte man sogar annehmen, dass es sich bei DER TODESKING um eine filmische Interpretation des Stückes handelt.

Laut Aussagen verschiedener Quellen ist die Brücke aus der Donnerstag Episode tatsächlich für die vielen Selbstmörder bekannt die sich von dort aus in den Tod stürzten. Ob die in der Episode aufgezählten Personen wirklich existieren und dort Suizid begangen ist unklar.

Bela B. (Schlagzeuger bei Die Ärzte) hat einen kleinen Gastauftritt als Sänger und Gitarrist einer Heavy-Metal-Band in der Samstag-Episode.

Wie in NEKROMANTIK 1 und 2 werden auch in DER TODESKING Ausschnitte aus einem fiktiven Film gezeigt, der eine Anspielung auf ein bestimmtes Genre darstellt. Der Protagonist der Dienstag-Episode leiht sich einen Schwarz/Weiß-Film namens "Vera - Todesengel der Gestapo" aus, in dem ein gefesselter Mann (gespielt von Buttgereit selbst) von Nazis kastriert wird. Als Regisseur dieses nicht existenten Films wird der Name Jörgi Butti angegeben. Es handelt sich hierbei um eine Anspielung auf den Film
"Ilsa, She Wolf of the SS".

Die Videothek aus Dienstag mit dem Namen Videodrom gibt es tatsächlich in Berlin. Der Protagonist geht unbeachtet an einer NEKROMANTIK Videokassette vorbei und im Hintergrund hängt ein Plakat des selbigen Films.

Das Album "Vilosophe" der norwegischen Band Manes enthält einen Ausschnitt aus der Mittwochsepisode.

Wikipedia

Stabangaben:

Regie: Jörg Buttgereit
Buch: Jörg Buttgereit, Franz Rodenkirchen
Produktion: Manfred O. Jelinski, Jörg Buttgereit

Mit:
Hermann Kopp
Angelika Hoch
Michael Krause
Eva Kurz
Bela B Felsenheimer
Nicholas Petche
Heinrich Ebber
Jörg Buttgereit

Musik: Hermann Kopp, Daktari Lorenz, John Boy Walton         
Kamera: Manfred O. Jelinski
Licht: Jan Hartmann
Regieassistenz: Franz Rodenkirchen
Schnitt: Jörg Buttgereit, Manfred O. Jelinski
Standfotos: Chrtistine Karallus

1989, 75 min.