SCHRAMM

Im Moment seines Todes sieht ein Mann, Schramm, Fragmente seines Lebens an sich vorüberziehen. In verschachtelten Rückblenden erzählt Jörg Buttgereits hoch gelobter Film aus Schramms Leben: Nach außen ein unauffälliger Kleinbürger, war der Taxifahrer Schramm ein Psychopath, der sein Sexualleben mit einem Gummitorso teilte, Menschen ermordete und zu selbstzerstörerischem Masochismus neigte.

Schüchtern und freundlich ist Lothar Schramm, auch zu den christlichen Heilsvertretern, die gerade vor der Tür stehen und sich nach seinem Verhältnis zu Gott erkundigen. Kaffee und Cognac bekommt das fromme Paar serviert; "Ich freu' mich, daß Sie hier sind", sagt Schramm, verleiht dem Satz dann aber eine gewisse Zweideutigkeit, indem er dem männlichen Propheten ganz unvermittelt die Kehle durchsäbelt und der Dame den Schädel einschlägt.

In einem amerikanischen Dokumentarfilm berichtet ein Serienkiller von seiner Sehnsucht nach einer Liebesbeziehung, die fast unerträglich wurde, als er eines Tages, wieder mit einem Frauenkopf in der Tasche, im Treppenhaus auf ein flirtendes Pärchen traf. Schramms Sehnsucht gilt der Nachbarin, einer jungen Nutte, die er bei der Arbeit belauscht während er einen armseligen Gummitorso bumst.

Ausgelassen sieht sich Schramm beim Walzertanzen, mit der Schönen. In Wahrheit verabreicht er der Frau ein Schlafmittel, streichelt und photographiert die Bewußtlose und holt sich unter eifersüchtigen Beschimpfungen einen 'runter. Wie zum Geschlechtsakt drapiert er die Leichen seiner Opfer und nimmt sie mit einer Polaroidkamera auf. Kurze Einschübe in Super-8, gelbe Blumen und spielende Kinder am Strand künden von einer Zeit, als Schramm noch nicht Schramm war und keine Angst zu haben brauchte.

Mit irritierenden Schnitten und Anschlüssen führt Jörg Buttgereit den Zuschauer in Schramms Wahrnehmnung, wo Ängste und Visionen mit der Wirklichkeit zusammenfließen. Eine schleimige Vagina mit bedrohlichen Zähnen findet Schramm eines Morgens zwischen seinen Beinen im Bett, ein anderes Mal schmatzt ihn das Monstrum aus einer Schublade an. In umgekehrter Chronologie baut der Regisseur die fleischgewordenen Phobien in die Handlung ein. Zunächst sieht man Schramm mit blutbefleckter Unterhose Gymnastik treiben, in der nächsten Szene nagelt er seinen Penis am Tisch fest. Zu Anfang des Films fällt ein Holzbein zu Boden, der unversehrte Schramm wird später durch den Wald joggen und liegt plötzlich mit blutigem Beinstumpf im Bett. Mit solchen Wechselspielen gelingt Buttgereit das Kunststück einer filmischen Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt. So gewinnt die Wahnvorstellung von der Prothese Oberhand über das gesunde Bein und führt zu Schramms Todessturz von der Leiter.

Während der scheue Mörder sein Leben in einer Lache weißer Farbe aushaucht, pocht die Nachbarin ungeduldig an die Tür. Er soll sie bei einem dubiosen SM-Auftrag begleiten. Eine ergreifende letzte Einstellung zeigt, dass die Nutte Schramm wirklich gebraucht hätte. Aber der ist schon auf dem Weg zum Himmel und bekommt gerade von Jesus den Schädel eingeschlagen.

Katja Nicodemus


Schramm wohnt in einem Berliner Altbau, fährt Taxi und sucht die Liebe seiner Nachbarin, die als Prostituierte sadomasochistische Phantasien erfüllt. Daß er auf einem Gummipuppentorso herumreitet, wenn sie ihrer Kundschaft lauthals einen Höhepunkt vorspielt, gehört in die Grauzone des Privaten, aus der Schramm nicht einmal durch seine Morde ausbrechen kann. Wunsch und Wirklichkeit verschmelzen in der Wahnvorstellung, die Welt würde um ihn kreisen wie vor einer Kamera, während er Zeit allmählich nur noch in Splittern erlebt.

Der Film legt diese Art von innerer Verschlossenheit offen. Während Schramm immer weniger Abstand zu seinen Taten findet, tastet die Kamera medizinisch seinen Körper ab, dringt penibel in jede Falte an Stirn und Bauch oder zeigt sein schlaff baumelndes Geschlecht. Der Täter wird Opfer der Aufzeichnungsmaschine, während ihm selbst alles Körperliche fremd bleibt.

Harald Fricke

Stabangaben:

Regie: Jörg Buttgereit         
Buch: Jörg Buttgereit, Franz Rodenkirchen
Produktion: Manfred O. Jelinski, Jörg Buttgereit

Mit:
Florian Koerner von Gustorf
Monika M.
Micha Brendel
u.a.

Kamera: Manfred O. Jelinski         
Schnitt: Manfred O. Jelinski, Jörg Buttgereit
Musik: Max Müller & Gundula Schmitz
Spezial Effekte: Michael Romahn   
Optische Effects: Manfred O. Jelinski
Kamera-Assistent: Jan Hartmann
Regie-Assistent: Franz Rodenkirchen
Poster: Micha Brendel
Standfotos: Jörg Buttgereit

1993, 70 mim.