VIDEO NASTY

Mitglieder meiner Generation hatten Gelegenheit, am Aufkommen und Anschwellen des Videobooms teilzuhaben. Damals, als 3-Stunden-Tapes noch 25 Mark kosteten. Damals, als MANIAC beschlagnahmt wurde, an meinem 15. Geburtstag. Damals, als die Horrorvideo-Mania durch die Republik schwappte. Rückblickend ist man angesichts des heute auf Leinwänden Üblichen schon verdutzt, was für Papiermaché-Splattereien damals den Stempel „Gefährlich für die Jugend und Jedermann“ erhielten.

All dieser Zombie-Kokolores – mal im Ernst! Manch einem fraßen sich diese Splatter-Zirkusnummern ins mehr oda wenja unschuldige Gemüt. Manch einer trägt es mit sich herum bis zum heutigen Tag. Nehmen wir den lieben Jörg Buttgereit: Jener nämlich schuf einst ein Radiohörspiel mit dem Titel „Video Nasty“, eine liebevolle Reminiszenz an eben diese Horrorvideos, die Handlungselemente aus mehreren berühmten Exemplaren miteinander verwob, um das Ergebnis dann zweien exemplarischen Videokonsumenten vorzusetzen. Das Resultat (mit Sprechern wie Manfred Lehmann und Oliver Korittke besetzt) war ebenso stimmig wie unterhaltsam. Das traf den Punkt. Ich war begeistert.

Nun – nach dem Erfolg von CAPTAIN BERLIN VS. HITLER – brachte eine Theatergruppe auch dieses Kleinod auf die Bühne. Für all jene, die diesem Ereignis nicht beiwohnen können, haben Buttgereit und Thilo Gosejohann nun eine Filmfassung erstellt, die jedem Interessenten die Gelegenheit gibt, der besonderen Magie beizuwohnen. Und es ist schon magisch, was Buttgereit aus den Gespenstern meiner verfehlten Jugend gemacht hat! Er nähert sich der Materie nicht auf intellektuell-analytische Weise, sondern bastelt eine Hommage auf diese Filme, die er kontrastiert mit den Reaktionen der Videokucker. Er vermeidet platte Ironien, die den Eindruck erwecken könnten, er wähne sich über seinem Material. Stattdessen kuckt er einfach in die Filme hinein, registriert die Plattheit der Dialoge ebenso wie den Reichtum an knalligen Motiven, ohne sie zu bewerten.

Das Resultat verbindet das „schuldige Vergnügen“ an solchen alten Filmen mit einer retrospektiven Neubewertung – statt selbst zu analysieren, überläßt es Buttgereit den Zuhörern, sich einen Reim auf den Zombie-und-Kannibalen-Reigen von einst zu machen. Durch die Neubearbeitung des Hörspiels aber kommt noch eine Drehung der Schraube hinzu. Die Bühnenfassung versieht die akustische Darbietung mit einem Bild: Mehrere Schauspieler sind zu sehen, die, vor Mikros stehend, den Text von einem Blatt zitieren. Die Kulisse ist ausgesprochen reduziert, man wird völlig auf die Stimmen der Interpreten des Textes zurückgeworfen.

Durch die nun erfolgte Filmversion der Performance rückt der Zuschauer den Interpreten dicht auf die Pelle. Hierdurch wird jede Distanz beseitigt, die bei einer Bühne noch vorliegt. Dadurch gewinnt die Darbietung eine ganz neue Dynamik, da man förmlich miterleben kann, wie sich die Schauspieler in den Text hineinschaffen, sich ihr Publikum langsam erarbeiten. Je mehr das Publikum auf die Darbietung reagiert, werden auch die Schauspieler immer mehr angestachelt und mitgerissen, reagieren ihrerseits auf das Publikum. Da Buttgereit und Gosejohann bei der Filmbearbeitung auf filmische Mätzchen vollständig verzichten, die die Distanz wieder aufgebaut hätten, gelingt der Coup ganz vorzüglich. Ich klebte tatsächlich wie gebannt an der Leinwand, klebte an den Lippen der Schauspieler, konnte miterleben, wie jene richtig in den Text hineinwuchsen.

So ist der Film VIDEO NASTY nicht nur eine unterhaltsame Reise in die Vergangenheit, sondern obendrein eine mörderspannende Lehrstunde in Sachen Schauspielerei, von der ich mir wünsche, daß sie recht bald auf DVD erhältlich sein möge.

Christian Keßler, Splatting Image


Thomas Groh in der taz über Video Nasty

Stabangaben:

Buch + Regie: Jörg Buttgereit
Schnitt: Thilo Gosejohann
Kamera: Eike Schweikhardt, Martin König
Musik: Jan Hufenbach

Mit:
Claudia Urbschat Mingues
Lars Eidinger
Viktor Neumann
Peter Groeger
Robert Kreuzaler

2011, 65 Min.