DIE GRÄFIN

(Frankreich/ Deutschland, 2009)

Im Jahr 2007 gelang der französischen Schauspielerin und Musikerin Julie Delpy (bekannt aus so unterschiedlichen Produktionen wie BEFORE SUNRISE, HOMO FABER oder KILLING ZOE), mit ihrer Komödie 2 TAGE IN PARIS ein autobiographisch angehauchtes, äußerst charmantes und witziges Regiedebut. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen, als man vernahm, die Delpy würde sich in ihrem neuen Film DIE GRÄFIN der wahren Geschichte der ungarischen Blutgräfin Erzebet Bathory (1560-1614) annehmen. Die Serienmörderin ist angeblich für den Tod von mehr als 150 Mädchen verantwortlich und gilt als die weibliche Variante des Vampirfürsten Dracula. Im 19. Jahrhundert wurde die Geschichte der Bathory zum Stoff für zahlreiche literarische Bearbeitungen und dementsprechend oft war die Blutgräfin später Vorbild für blutrünstige Monsterdamen im Horrorfilm. Die Tatsache, das Delpy selbst das Drehbuch schrieb, Regie führte, die Hauptrolle spielte und auch die Musik zum Film komponierte ließ zudem einen obssessiv persönlichen Film vermuten.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist die Gräfin Bathory die mächtigste Frau im Land. Bei einem Fest lernt sie den viel jüngeren Istvan (Daniel Brühl) kennen und die beiden verlieben sich leidenschaftlich ineinander. Doch Istvans intriganter Vater Graf Thurzo (William Hurt) verbietet seinem Sohn den Umgang mit der Gräfin. Die verfällt daraufhin, getrieben von Enttäuschung und Sehnsucht nach Istvan, dem Wahn, im Blut jungfräulicher Mädchen zu baden um wieder jugendliche Schönheit zu erlangen. Erst als sie dafür lebendig eingemauert wird, ist ihr bewusst, das sie das Opfer männlicher Machtkämpfe wurde.

Der Pressetext zum Film verspricht das Portrait einer faszinierenden modernen Frauenfigur. Auf der Pressekonferenz der diesjährigen Berlinale, auf der THE COUNTESS (neben der ähnlich angelegten Neuverfilmung BARBE BLEUE von Catherine Breillat) im Rahmen des Panorama-Programms seine Uraufführung hatte, präsentierte sich Julie Delpy äußerst witzig, sympathisch und durchaus auch selbstkritisch. So gab sie beispielsweise zu, bei den Dreharbeiten mit ihrer Doppelrolle als Hauptdarstellerin und Regisseurin überfordert gewesen zu sein. Und tatsächlich wirken alle ihre Protagonisten im Film auch etwas verloren und ungeführt. Der GRÄFIN fehlte offenbar die starke Hand und dem Film so die klare Linie. Oft wirkt ihr Film unbeholfen wie eine, zugegebenermaßen üppig ausgestattete und gut besetzte, Seifenoper.

Ein mythisch aufgeladener großer Neuentwurf wie ihn Francis Ford Coppola 1992 mit BRAM STOKERS DRACULA vorgelegt hat, war bei dieser eher übersichtlichen Produktion sicher nicht zu erwarten. Doch einen klugen kleinen Horrorfilm mit einem deutlicherem feministischen Ansatz hat man sich von Delpy schon erhofft. Sicher finden sich ihn ihrem Film Reflektionen zur Rolle der Frau in unserer Gesellschaft und zum aktuellen Jugendwahn. Doch Delpy gibt sich viel zu bescheiden. Ihr fehlt der Mut zur Exploitation, zur großen Geste und zu drastischeren Übertreibungen. THE COUNTESS will bestimmt kein derber Horrorfilm sein. Doch Genrefans werden sich naturgemäß von dem Stoff angesprochen fühlen und die Delpy gnadenlos an unbarmherzig vollbusigen Darstellerinnen wie Ingrit Pitt aus der 1970 entstandenen Hammer-Produktion COMTESSE DES GRAUENS messen. Daneben wirkt Julie Delpy in ihrem harmlosen Film wie eine schüchterne graue Maus.

JB für epd