KICK ASS
(USA, 2010)
Wie hätte Sam Raimi`s pädagogisch angehauchte Comicadaption SPIDER-MAN wohl ausgesehen wenn der ehemalige Horrorfilm-Regisseur nicht so viel Respekt vor der Vorlage gehabt hätte? So wie KICK ASS, der auf vergnügliche Weise bedenkliche Superheldenfilm von Matthew Vaughn (STARDUST – DER STERNWANDERER, 2007), der auf dem gleichnamigen Comic von Mark Millar and John Romita Jr. (Sohn des legendären Spider-Man Zeichners aus den 70er Jahren) basiert.
Der Film beginnt als sarkastische Teenager-Komödie: Dave Lizewski ist ein in jeder Hinsicht durchschnittlicher New Yorker High School Schüler und Comic Fan. Er hat genau 2 (männliche) Schulfreunde und seit dem plötzlichen Tod seiner Mutter lebt er allein mit seinem Vater. Um der Ereignislosigkeit seines Lebens zu entkommen, beschließt er der Superheld „Kick Ass“ zu werden. Da er aber nicht, wie sein Vorbild Spider-Man, im Chemieunterricht von einer radioaktiven Spinne gebissen wurde, verfügt Dave nicht über besondere Superkräfte und ist auch nicht gerade kampferprobt.
Deshalb bezieht er, als er sich den Straßenrouwdies entgegen stellt, die immer seine Comics mopsen, anständig Prügel. Erst als seine vielen Knochenbrüche mit Metallplatten und Titannägeln verarztet sind, hat er eine Chance gegen die Prügelknaben der Nachbarschaft, bekommt ganz viele Freunde bei myspace und wird leider auch zur Zielscheibe von Mafioso Frank D´Amico (Mark Strong). Aber Dave ist zum Glück nicht der einzige Superheld in New York. Der tatsächlich furchtlose und durchtrainierte Ex-Cop „Big Daddy“ (Nicolas Cage in einem 80er Jahre Batman-Outfit) hat mit seiner quirligen Tochter „Hit Girl“ (gespielt von der 11jährigen Chloe Moretz) den Kampf gegen das organisierte Verbrechen in Gestalt des Drogenbarons D´Amico aufgenommen.
KICK ASS wirkt wie das Missing Link zwischen Pixar`s Animations-Spass DIE UNGLAUBLICHEN und der bitterbösen Erwachsenen-Comic-Adaption WATCHMEN von Zack Snyder. Mühelos wechselt der Film von drolliger Teeny-Komödie zu gewalttätigem Action-Kino. Lediglich der erste Sex im Kinderzimmer wird, wie in den prüden amerikanischen Superheldencomics üblich, nur angedeutet. Die genretypisch zu Karikaturen zugespitzten Protagonisten des Films entwickeln sich schnell zu echten Charakteren in denen man sich nicht nur als eingefleischter Comicfan wieder findet.
Das vergebliche Streben nach Anerkennung, die verstohlenen Blicke auf die prallen Brüste der Lehrerin, die eigenen Gewaltphantasien gegen stärkere Mitschüler - alle unterdrückten Teenagerängste und feuchten Träume der Jugend machen sich Luft in einer Eruption aus brutalen Kampfeinlagen und blutigen Schießorgien. Einen nicht unerheblichen Anteil an der aufwühlenden Sogwirkung des Films hat der sorgfältig ausgewählte Soundtrack. Auf der Tonspur trifft rhythmischer Techno-Krach von „Prodigy“ auf ultraschnellen Old-School-Punk der „Dickies“ und auf die augenzwinkernd zitierte Italo-Western-Filmmusik von Ennio Morricone. Bleibt zur hoffen, das der Wortwitz der Originalfassung mit Comiczitaten und Anspielungen auf die amerikanische Jugendsprache die Synchronisation in Deutsche überlebt.
JB für epd
