KING KONG

(USA, 2005)

Peter Jackson, der das „unverfilmbare“ Mammutprojekt HERR DER RINGE erfolgreich schulterte, kehrt mit einem Versprechen, das so alt ist wie das Kino selbst, auf die Leinwand zurück. Es ist das Versprechen vom ganz großen Kinospektakel. King Kong und die weisse Frau war 1933 mit seinen bahnbrechenden Spezial Effekten so ein überlebensgroßes Kinoereignis. Die nachfolgenden Sequels und Remakes aus Amerika, die trivialen Adaptionen und Ringkämpfe mit Godzilla & Co. aus Fernost, keiner dieser Filme reichte je an das Original heran und wurde stets von der Kritik belächelt.

Doch so schrecklich es für den traditionsbewußten Cineasten auch klingen mag: Der alte Schwarzweiß-Kong, der mit seinen ruckartigen Stop-Trick-Bewegungen durch den Urwald poltert, hat seinen Charme für die DVD-Generation verloren. Deshalb kommt jetzt Peter Jackson, der das Zeug, das heißt eine gigantische Produktionsmaschine im Rücken und ein geschätztes Budget von 200 Millionen Dollar zur Verfügung hat um King Kong wieder zu dem zu machen was er einmal war: Ein Filmwunder das alle ins Staunen versetzt.

Jacksons Vision ist gekennzeichnet von der Liebe zum Original, aber auch von Größenwahn. 188 Minuten, also etwa doppelt so lang wie die Vorlage, ist seine Adaption geworden. Ein Umstand, den sich Jackson 32 Millionen Dollar Vertragsstrafe kosten ließ. Denn mit dem Produktionsstudio Universal war eine besser ins Programmschema der Kinos passende Laufzeit von nur 2 ½ Stunden vereinbart. Jackson zahlt die durch Überlänge seines Films ausbleibenden Einnahmen an der Kinokasse aus eigener Tasche. Schließlich ist King Kong, wie Jackson auf der Berliner Pressekonferenz beteuerte, ein Projekt das ihm am Herzen liegt. Ein Kindheitstraum.

Mit 9 Jahren hat er das Original im Fernsehen gesehen und war so beeindruckt, das er fortan Regisseur werden wollte. Mit 12 wagt sich Jackson an ein Remake in Kurzform und animiert eine Affenpuppe vor der Schmalfilmkamera des Vaters. 1996 entwickelt er eine Drehbuchversion zu KING KONG, die aber von Universal auf Eis gelegt wurde. Doch nach dem Herr der Ringe konnte sich Jackson sein nächstes Projekt aussuchen. Seine Wahl viel natürlich auf Kong. Den überdimensionalen Liebesfilm.

Die zeitlose Geschichte von der Schönen und dem Biest. Ein Riesenaffe verliebt sich in eine schöne Menschenfrau, die ihm von einem wilden Eingeborenenstamm als Opfer dargeboten wird. Er beschützt sie vor garstigen Monstern und Menschen und wird schließlich gefangen genommen, in die Zivilisation entführt und als Jahrmarktattraktion ausgebeutet. Mit gebrochenem Herzen stürzt er vom damals höchsten Gebäude der Welt, dem Empire State Building in New York.

Jackson hält sich penibel an die geliebte Vorlage, läßt den Film im Premierenjahr des Originals, also 1933,  während der großen Depression in Amerika, spielen. Und weil er weiß, das Monsterfilme nur mit einem starken „human drama“ im Hintergrund funktionieren läßt er sich knappe 70 Minuten Zeit um sein Schauspieler-Ensemble zu charakterisieren. Carl Denham (Jack Black) den besessenen Filmemacher, der die finanziell strauchelnde Variete-Schauspielerin Ann Darrow (Naomi Watts) und den Drehbuchautor Jack Driscoll (Adrien Brody) anheuert um ein Abenteuer auf Skull Island zu drehen.

Der eigentliche Star des Films ist natürlich der verliebte Riesengorilla. Das im Computer animierte Ungetüm wird tatsächlich, wenn auch über einen Umweg durch den Computer, von einem Schauspieler dargestellt. Der aus HERR DER RINGE als Gollum-Darsteller bekannte Andy Serkis hat Kong per „Motion-Capture“-Verfahren Leben eingehaucht. Serkis Körper wurde mit unzähligen Sensoren versehen, die seine affenartigen Bewegungen und selbst sein Minenspiel auf den digitalen Affen übertrugen. Das Resultat ist ein schauspielernder CG-Kong, den man als Zuschauer sofort in sein Herz schließen kann. Nun, vielleicht nicht sofort, denn wenn Kong ungefähr bei Minute 70 die fragile Ann Darrow wie eine Barbiepuppe in seine Pranke nimmt und mit ihr durchs dichte Unterholz springt, sie wild schüttelt, dann kommt das, auch wegen Naomi Watts hilflosem Geschrei und Gestöhn, einer Vergewaltigung gleich. Doch Ann weiß das Biest zu zähmen, es im Verlauf ihrer „Beziehung“ zu respektieren, später gar zu lieben. Und wir auch.

Bei der Umsetzung der Saurier, die im zweiten Drittel des Films ausgiebig mit Kong im Urwald toben, verläßt sich Jackson zu sehr auf die Digitale Animation. Sicher sehen seine drei T.Rex nicht schlechter aus als Spielbergs Jurassic Park-Stars. Aber die damals von Stan Winston kreierten animatronischen Monsterköpfe waren doch „greifbarer“ als die gänzlich im Computer generierten Tricksaurier. Durchweg überzeugend sind die vielen übergroßen Insekten, die auf dem morastigen Boden einer Schlucht über die Mannschaft herfallen. Diese Szene ist Jacksons wild ausgeschmückte Huldigung an eine verschollene Sequenz aus dem Original, von der nur noch wenige Standfotos existieren.

Bevor in New York das Militär anrückt gönnt Jackson seinem Liebespaar einige unbeschwerte Minuten auf einem zugefrorenen Teich im Central Park. Eine Szene die nicht im Original zu finden ist. Peter Jackson hat mit KING KONG das Kino lieben gelernt. Das spürt man. Und auch seherfahrene Filmprofis müssen sich ihrer Tränen nicht schämen wenn das Spektakel im Finale auf dem Empire State Building konsequent sentimental zur Ruhe findet. Im Sonnenaufgang verabschiedet sich das von Schüssen getroffene sanfte Biest von seiner geliebten Ann in den Tod. Es ist vielleicht das schönste und rührendste Unhappy End der Filmgeschichte. Die Essenz des Kinos in 188 kurzweiligen Minuten.

JB