MONSTER X STRIKES BACK - ATTACK THE G8 SUMMIT!

( MONSTER X GEGEN DEN G8-GIPFEL, Japan 2008)

Im Jahre 1967 erstaunte die japanische Produktionsfirma Shochiku die Filmwelt mit dem Monsterfilm UCHU DAIKAIJU GIRARA (THE X FROM OUTER-SPACE). In den goldenen Zeiten des japanischen Monsterfilm-Booms wollte man ein ebenso erfolgreiches Monster wie Godzilla (von Toho) oder die atomare Riesenschildkröte Gamera (von Daiei) kreieren. Der irrwitzige deutsche Filmtitel GUILA FRANKENSTEINS TEUFELSEI, den der Filmverleih Constantin Film dem Werk 1972 zum Deutschlandstart verpaßte, läßt vermuten, das man Shochikus bis dahin einzigen Ausflug in das Monsterfilmgenre auch hierzulande nicht besonders ernst nahm. Denn das marsianische Weltraummonster Girara (ausgesprochen Gilala), das da in den Miniaturkulissen von Plastiktokio sein Unwesen trieb, sah aus wie ein grünes Riesenhuhn und war somit nicht besonders bedrohlich.

Was soll man also davon halten, wenn Shochiku ausgerechnet jetzt, in einer Zeit in der man den Schrecken vor infantilen Riesenmonstern gänzlich verloren hat, mit einem Remake von Girara zu punkten versucht? Das wundersame Vorhaben wird vielleicht nachvollziehbarer, wenn man einen Blick auf die Karriere von Regisseur Minoru Kawasaki wirft, der hinter MONSTER X GEGEN DEN G8-GIPFEL steckt. Kawasaki hat mit Filmen wie THE CALAMARI WRESTLER (2004) oder THE WORLD SINKS EXCEPT JAPAN (2006) einen Sinn für schrägen japanischen Humor bewiesen, über den man durchaus auch im Westen lachen kann. In seinem Girara-Remake entpuppt sich der stets in bunten Hawaiihemden auftretende Regisseur als waschechter Kaiju-Eiga-Fan. Er greift die damals wohl noch unfreiwillige Lächerlichkeit des Titelmonsters Girara auf und ließ von dem tokioter FX-Studio Vi-Shop eine originalgetreue Kopie des Weltraumhuhns für seinen Film anfertigen. In den Räumen des Vi-Shop, wo schon Monster wie Godzilla oder Biolannte erschaffen wurden, treffe ich Kawasaki. Natürlich im Hawaiihemd. Auch Monsterdarsteller Hariken Ryu, der schon Monster wie King Ghidorah oder Battra für die Godzilla-Serie der Toho dargestellt hat, ist gekommen. In MONSTER X hat er Girara gespielt.

KAWASAKI:  „Unser Film ist kein Remake. Er spielt in einer Parallelwelt. In Japan fand in Juli 2008 der Hokkaido-Toyako-Gipfel statt. Die Staatschefs der Welt versammelten sich in Toyako und hielten eine dieser unergiebigen Sitzungen ab. In der Nähe vom Sitzungsort, in Sapporo, stürzt Girara in einem Kometen auf die Erde. Die ganze Welt gerät in große Aufruhr. Alle Staatschefs wollen in ihr jeweiliges Land flüchten. Aber der US-Präsident sagt “Wenn wir das Monster besiegen, können wir uns weltweit einen Namen machen.” Also … eigentlich wollen sie gar nicht gegen das Monster kämpfen, sie verbünden sich jedoch alle, um das Ansehen ihrer Staaten zu heben, indem sie versuchen Girara zu erledigen“.

Tatsächlich wird Kawasakis Film von mehr oder weniger überzeugenden Kopien internationaler Staatschefs bevölkert, die genauso hölzern schauspielern wie die Originale. Auch wenn unsere Angela Merkel nicht wirklich gut getroffen ist, sie spricht zumindest Deutsch.

KAWASAKI: „Doch Girara ist sehr mächtig, mit keiner Strategie kann man ihn besiegen. Eine Journalistin und ein Kameramann erfahren von der Legende, die in der Gegend um Toyako seit alters her überliefert wird. Die Legende besagt, dass Girara in frühen Zeiten schon einmal die Erde heimsuchte und schließlich von  einer Gottheit namens Take-Majin besiegt wurde“.

RYU: „In Japan werden Götter und Teufel nicht klar voneinander abgegrenzt. Sie können miteinander verschmelzen. Insbesondere ist “Majin (Teufel/God)” ein Wesen, in dem ein Teufel und ein Gott, ein böser Geist und etwas Gutes verschmelzen. In Japan ist es seit den alten Zeiten möglich, dass ein Teufel zum Gott wird oder dass ein Gott die Menschen reinigt, in dem dieser Gott alles zerstört. Ein Monster kann gleichwohl zum Helden werden, wenn eine große Gefahr Japan von außen bedroht. Der Charme unserer Monster liegt darin, dass es schrecklich und gleichzeitig auch ein Held sein kann. Schon immer versteht man in Japan eine derartige Verschmelzung in einem einzigen Wesen“.

Genre-Kenner werden in Take-Majin sofort die Parodie des steinernen Koloss Dai-Majin erkennen, eine Art japanischer Riesen-Golem, der 1966 in gleich drei märchenhaften Filmabenteuern der Daiei zu bewundern war. Kawasakis Reinkarnation trägt allerdings das Gesicht des international bekannten japanischen Regie-Schauspiel-und-Comedy-Stars Beat Takeshi Kitano. Was natürlich nicht bedeutet das Kitano auch tatsächlich in den Take-Majin-Kostüm steckte. Denn MONSTER X GEGEN DEN G8-GIPFEL ist unübersehbar ein Billig Film, in dem ohne Scheu spektakuläre Sequenzen aus dem alten original Girara-Film wiederverwendet werden.

KAWASAKI: “Der klassische Monsterfilm ist als Genre tot. Darunter leiden vor allem ältere japanischen Männer, die in den 60er und 70er Jahren mit den Monsterfilmen aufgewachsen sind. Sie vermissen die Anziehungskraft von Monstern, die von Menschen in Kostümen darstellt wurden. Diese Monster hatten eine gewisse Lebendigkeit. Man hatte das Gefühl, dass sie tatsächlich leben. Deswegen wollte ich jetzt noch einmal einen japanischen Monsterfilm mit der traditionellen Suitmation-Methode machen. Nur so kann man meiner Meinung nach den Monsterfilm wiederbeleben. Wie das beim Kabuki-Theater auch der Fall war. In GODZILLA: FINAL WARS hat man versucht mit Action-Szenen die an MATRIX erinnern Godzilla zu modernisieren. Ganz im Hollywood-Stil. Aber ich bin mit den Monstern die Eiji Tsuburaya für die alten Toho-Monsterfilme geschaffen hat aufgewachsen. Ich wollte noch einmal in das “Goldene Zeitalter” der Monsterfilme von Tsuburaya zurückkehren und ihnen Tribut zollen”.

Doch so romantisch verklärt wie die nostalgische Herangehensweise Kawasakis im Interview auch klingen mag, er weiß nur zu genau, dass man so nur altmodische Monsternerds hinterm Ofen hervorgelockt hätte. Um ein breiteres Publikum für Girara zu begeistern mußte er sich dem Genre auch mit einer gewissen Respektlosigkeit (was ist Japan meist Klamauk bedeutet) nähern. Wenn es denn nun mal so ist, dass die internationale Filmwelt über das japanische Kaiju Eiga nur noch lachen kann, dann will Kawasaki nun auch mitlachen können. Damit hat sein Film eine ähnlich selbstironische Haltung wie DAI NIPPON JIN (DER GROSSE JAPANER) des Starkomikers Hitoshi Matsumoto aus dem letzten Jahr. Als der Nordkoreanische Diktator Kim Yong Il versucht den G8 Gipfel mit einer weiblichen Minirock-Terrorgang aufzumischen versprüht MONSTER X GEGEN DEN G8-GIPFEL gar den anarchistischen Charme von Trey Parkers und Matt Stones hytherischer Politpuppentrickfilm TEAM AMERICA. Ganz nebenbei sei erwähnt das die beiden ungezogenen SOUTH PARK-Macher als zukünftiges Projekt einen Film im Stil der alten japanischen Monsterfilme mit dem vielversprechenden Titel GIANT MONSTER ATTACK JAPAN angekündigt haben. Diese Huldigungen an das handgemachte FX-Kino “Made in Japan” scheinen gerade im digitalen Zeitalter ein Bedürfnis nach verloren geglaubter Authentizität zu befriedigen.

KAWASAKI: „Seit den Schrecken des Terroranschlages vom 11. September kann man nichts mehr schreiben, das noch schrecklicher wirkt. Monster stellen heute keine Bedrohung mehr dar, sondern sind ein Event, Unterhaltung, die eher zum Lachen reizt. Die echten Schrecken können im Monsterfilm nicht mehr dargestellt werden. Darum geht es ja auch in CLOVERFIELD. In MONSTER X  ist nicht mehr die Angst das Thema. Schon der alte KING KONG VERSUS GODZILLA (dt: Die Rückkehr des King Kong) aus dem Jahr 1962 hatte diesen Event-Charakter, es war ein Unterhaltungsfilm für die ganze Familie. Sowohl GODZILLA, als auch KING KONG sind schon damals zu einem Instrument der menschlichen Gesellschaft geworden. Das Thema der Angst ist in den Produktionen von heute nicht mehr zu finden. Wenn ein Monsterfilm nach klassischer Definition auf der Angst basiert, dann ist mein Film nicht wirklich ein Monsterfilm“.

Ryu: „Als die größte Bedrohung Japans kann man derzeit Nordkorea nennen. Unsere Angst vor Nuklearwaffen, die Nordkorea anscheinend besitzt, wird in diesem Film deutlich zum Ausdruck gebracht. Unter dem Vorband, das außerirdische Monster Girara, das in Japan gelandet ist, zu besiegen, will Nordkorea eine Atomrakete in Richtung Japan abschießen und damit auch gleich alle Staatsoberhäupter der Welt vernichten. Es geht in diesem Film also um die Schrecken, die Nordkorea verursacht. Wir Japaner haben Angst davor, dass Vergleichbares auch ohne ein außerirdisches Monster Wirklichkeit werden könnte“.

Da haben wirs. MONSTER X STRIKES BACK. ATTACK THE G8 SUMMIT! Ist doch ein Film mit Tiefgang und einer eindeutigen Antikriegs-Message. So viel hat sich seit 1954, dem Geburtsjahr des von der Atombombe getauften radioaktiven Sauriers Godzilla, wohl doch nicht geändert.

Text und Interview: Jörg Buttgereit
(Dank an die Dolmetscherin Akiko Fujino)