Shock Couture

Frankreich setzt Maßstäbe im Genre (aus epd Film, 2/ 2011)

In den 70er und 80er Jahren war der zügellos harte amerikanische Horrorfilm Ausdruck einer künstlerischen, manchmal auch politischen Gegenbewegung. Die unabhängig produzierten Low Budget Splatter- (oder Blutspritz-) Filme von Filmemachern wie Wes Craven („Last House on the Left“), Tobe Hooper („The Texas Chainsaw Massacre“), George A. Romero („Dawn of the Dead“) oder William Lustig („Maniac“) waren drastischer in der direkten Darstellung von Gewalt und ehrlicher in der Befriedigung rudimentärer Begierden des juvenilen Publikums als es sich Hollywood vorstellen mochte. Doch spätestens seitdem ein äußerst zivilisiert auftretender Kannibale namens „Hannibal“ (Ridely Scott, 2001) genüsslich ein Menschenhirn aus dem Schädel seines noch lebenden Opfers löffelte, war die einst verpönte Splatter-Ästhetik auch im Mainstreamkino etabliert.

Im Folgejahr regt sich im fernen Frankreich Widerstand gegen die Vereinnahmung des Subversiven durch Hollywood. Das experimentelle, rückwärts erzählte Rape-and Revenge-Drama „Irreversible“ (2002) von Gaspar Noè ist streng genommen sicher kein Horrorfilm. Dennoch war das schonungslos auf Provokation angelegte Werk mit der schier endlosen, in einer statischen Einstellung abgefilmten Vergewaltigung einer Frau (Monica Bellucci) prägend für das Selbstverständnis einer neuen französischen Horror Welle.

Der erste schnörkellose Horrorfilm der Bewegung war „High Tension“ (Haute Tension, 2003) von dem mit amerikanischer Horrorkost sozialisierten Regisseur Alexandre Aja. Die beiden Studentinnen Marie (Cécile De France) und Alexa (Maïwenn Le Besco) übernachten während einer Urlaubsreise im Haus von Alexas Eltern. Ein skrupelloser Killer (dargestellt von Philippe Nahon, einem Stammschauspieler von Gaspar Noe) dringt in das Haus ein und tötet völlig wahl- und gewissenlos die Eltern und den kleinen Bruder von Alexa. Der blutige Überlebenskampf der beiden Mädchen endet mit der Überraschung, das der mysteriöse Killer in Wirklichkeit nur eine eingebildete Projektion von Marie ist. Wie schon in „Baise-moi“ (2000) von Virginie Despentes und Coralie Trinh Thi entledigt sich in „High Tension“ die Frau der ihr im Horrorgenre zugeteilten passiven Opferrolle und wird selbst zum bestialischen Killer.

Die Motivationen für ihre Taten sind bei den mörderischen Damen stets gefühlsbetont. In „Inside“ (À L’intérieur, 2007) von Alexandre Bustillo und Julien Maury spielt Béatrice Dalle eine namenlose Frau, die ihr ungeborenes Kind bei einem Autounfall mit der ebenfalls schwangeren Sarah und deren Mann Matthieu verliert. Matthieu verstirbt noch am Unfallort, Sarah und ihr Baby überleben. Am Heilig Abend, einen Tag vor Sarahs Niederkunft, dringt die traumatisierte Dalle in Sarahs Wohnung ein, um sich das Kind aus dem Bauch der Schwangeren zu schneiden.

Auf dem 40. Sitges Filmfestival äußerte sich Julien Maury zur Figur der schwarzen Witwe in „Inside“: "Béatrice ist keine Boogie-Frau die wahllos tötet. Es war uns sehr wichtig sie als eine gebrochene Frau zu zeigen. Der Film erzählt die traurige Geschichte beider Frauen, das menschliche Drama steht im Vordergrund. Natürlich hat Béatrice den Verstand verloren. Aber eigentlich will sie Sarah nicht verletzen. Sie will nur ihr Baby, das sich leider im Bauch von Sarah befindet. Selbst wenn sie es am Schluß nur für 5 Minuten im Arm hält, hat der Film für Béatrice also ein Happy End".

Xavier Gens legt mit „Frontier(s)“ (ebenfalls 2007) die europäische Variante vom „Texas Chaisaw Massacre“ vor. Eine Gruppe Jugendlicher aus einem Pariser Problembezirk flüchtet nach einem Banküberfall ins Niemandsland nahe der belgischen Grenze. Dort geraten sie in die Fänge einer kannibalischen Nazi-Großfamilie. Auch hier ist es am Ende eine zierliche schwangere Frau, die über sich hinauswächst und zu einer Rachegöttin im Blutrausch mutiert.

Auf die Suche nach einem tieferen Sinn für all die ausführlichst auf der Leinwand zelebrierten Gewaltdarstellungen begibt sich Pascal Laugier mit seinem Film „Martyrs“ (2008). Er schildert den Leidensweg des Mädchens Anna, die von einem spirituell motivierten Geheimbund so grausam gefoltert werden soll, bis sie zur erleuchteten Blutzeugin, also Märtyrerin wird. Neben der Konzentration des Films auf die systematisch ausgeführte körperliche und seelische Zerstörung der jungen Frau ist besonders die absolute Gefühlskälte der intellektuellen Folterer verstörend. Die für das Genre typische unterschwellige Sexualisierung der Gewalt findet hier nicht statt. Der Film beginnt zwar wie ein genrekonformer Horrorfilm, gleitet aber zum Ende, wenn die Grenze des Darstellbaren erreicht scheint, in performative und abstrakte Gefilde ab. Im Interview mit "Aint`t it cool News" sagt Laugier: "Meinen Film kann man nicht mögen. Ich hasse ihn ja auch. Aber wenn man offen an den Film heran geht und auf der Suche nach den gleichen Dingen ist wie ich, wird er eine Erfahrung sein. Eine gute oder eine schlechte. Für mich war es ein künstlerisches Experiment. Was passiert wohl, wenn man zu weit geht?" „Martyrs“ ist Frankreichs Antwort auf die von der konservativen Filmkritik als Torture-Porn gescholtenen amerikanischen Erfolgsfilme „Saw“ (2004) und „Hostel“(2005), und kann als selbstreflexiver Höhepunkt der französischen Horrorwelle verstanden werden.

2009 hat die Shock Couture zwei waschechte Zombiefilme hervorgebracht. In dem trostlos kargen „Mutants“ von David Morlet hat der obligatorische Zombie-Virus einen Großteil der mitteleuropäischen Bevölkerung zu tollwütigen Bestien gemacht. Eine vierköpfige Schicksalsgemeinschaft stapft nun auf der Suche nach Hilfe durch die verschneiten französischen Alpen. Am Ende sieht sich ein Liebespaar, eine schwangere Ärztin und ein frisch infizierter Sanitäter, einer Übermacht von Untoten gegenüber.

In dem ebenso pessimistischen aber mehr auf Action ausgelegten „Die Horde“ (La Horde) von Yannick Dahan und Benjamin Rocher schließt sich in einer Plattenbausiedlung vor Paris eine beinharte Spezialeinheit der Polizei notgedrungen mit einer verfeindeten Gangsterbande zusammen um der aufkeimenden zombiefizierung Frankreichs mit brutaler Waffengewalt entgegen zu treten. Am Ende ertrinkt der auf ein Autodach geflüchtete und wild um sich schießende letzte Überlebende des Films in einem Meer aus Zombiekörpern. Im Interview mit dem Horrormagazin „Virus“ gibt Regisseur Yannick Dahan zu Protokoll: „ Ich glaube es handelt sich bei den neuen französischen Horrofilmen um eine gewalttätige Reaktion auf ein System. In Frankreich beachtet uns die Industrie nicht und es gibt kein Publikum. Wir betrachten uns als Heckenschützen, die versuchen, in einem Land, welches das Genre nicht versteht, etwas zu bewegen. Unsere Horrorfilme sind so verstörend, weil sie eine wütende Reaktion auf das von Komödien und Autorenfilmen dominierte französische Kino sind. Es ist nicht zuletzt die Wut über unsere Gesellschaft, die viele von uns als scheinheilig, konservativ und rechtslastig empfinden. Wir sind verstört über die Reaktionen der Polizei auf die Unruhen in unseren Vorstädten, und wir haben entschieden, das Thema in unseren Filmen zu verarbeiten.“

In dem auch in Deutschland auf DVD veröffentlichten semiprofessionellen Kurzfilm „Paris by Night of the Living Dead“ (2010) von Gregory Morin wird in rasanten 12 Minuten demonstriert, das man sich in Paris auch auch ohne nennenswertes Budget, mit selbstgebastelten Computertricks und ausnahmsweise mal mit Humor, erfolgreich gegen Horden hungriger Zombies wehren kann. Auch wenn auf dem  Fantasy Filmfest wieder neue Horrorproduktionen ( „La Meute“, „Rubber“, „Amer“, „Captifs“) der französischen Schule ihre Deutschlandpremiere feierten, mit „Martyrs“ hat die Horror Nouvelle Vague wohl ihren kreativen Zenit erlebt.

Alexandre Aja, der mit „High Tension“ einer der Mitbegründer des neuen Selbstbewusstseins im französischen Horrorfilm war, ist längst in Hollywood angekommen und huldigt vor Ort seinen amerikanischen Vorbildern. 2006 hat Aja mit „The Hills Have Eyes“ ein Remake des gleichnamigen Klassikers von Wes Craven gedreht, das in seiner Härte das Original überflügelt. Auch aus Joe Dante`s ironischem, fast liebenswertem Tier-Horror-Film „Piranhas“ (1978) hat Aja 2010 mit „Piranha 3D“ ein maßlos bissiges Splatterfest gemacht. Viele der erwähnten Filme sind in Deutschland aufgrund expliziter Gewaltdarstellungen nur in gekürzten Fassungen erhältlich. Möchte man sich ungeschützt mit den Filmen auseinandersetzen, empfiehlt sich der Erwerb der in Österreich oder der Schweiz veröffentlichten DVD Editionen.

Jörg Buttgereit für epd