SUCKER PUNCH
(USA, 2011)
Regisseur Zack Snyder suchte sich bislang immer von Konsequenz geprägte Vorlagen für seine Filmprojekte. Mit seinem George A. Romero Remake „Dawn Of The Dead“ aktualisierte und revitalisierte er 2004 das Zombie-Genre. Die auf einem Schlachtengemälde von Comic-Autor Frank Miller basierende, kraftvoll verführerische Gewaltphantasie „300“ von 2006 kam als testosterongeschwängerte, realitätsferne Mischung aus Realfilm und Computeranimation daher. „Watchmen“ aus dem Jahr 2009 war die auserzählte und bildgetreue Adaption des gleichnamigen Comic-Meilensteins in dem Alan Moore das Superhelden-Genre in der Realität verankerte und gleichzeitig demontierte.
„Sucker Punch“ ist wieder so ein ausgesprochener Jungsfilm und basiert zur Abwechslung mal nicht auf einer originären Vorlage. Erstmals inszeniert Snyder eine von ihm mit Steve Shibuya entwickelte Story ohne die Erwartungshaltung einer Fangemeinde befriedigen zu müssen. Unter dem Plot schimmert allerdings deutlich das Skelett von Lewis Carroll's „Alice im Wunderland“ hindurch.
Babydoll (Emily Browning) wird von ihrem bösen Stiefvater in eine alptraumhafte Anstalt für verrückte Girls - stilistisch eine Mischung aus Mädcheninternat und Ballerina-Bordell - eingeliefert wo ihr die Lobotomie droht. Gemeinsam mit vier anderen sexy Mädchen, die auf so drollige Namen hören wie Sweet Pea, Rocket, Blondie und Amber, entflieht sie der grausamen Realität in eine Fantasiewelt in der nichts für sie unmöglich ist. Die selbstbewussten Nymphen bezwingen mit Schwertern mächtige Samurai-Geister, feuerspeiende Fantasy-Drachen, steuern einen klobigen Kampfroboter mit dem Antlitz eines rosa Zeichentrickhäschens und zersieben mit ihren handlichen Schnellfeuerwaffen böse Nazi-Roboter-Zombies.
Es sind vor allem der japanischen Nerd- und Videospielkultur entlehnte Szenarien die Snyder in seinem visuell überbordenen Action-Spektakel bemüht. Hübsche Mädchen in knappen Uniformen hantieren schlafwandlerisch selbstsicher mit todbringenden Mordwerzeugen. Japanisch verwurzelter Niedlichkeitswahn vermengt sich nur allzu selbstverständlich mit sexuell aufgeladenem Militarismus in einer apokalyptischen Alptraumwelt. Die Bilder sind Beispiel dafür, wie allumfassend die Manga-Kultur, die stets Vorlage für Filme und Computerspiele ist, auf westliche Erlebniswelten abgefärbt hat.
Leider fühlt sich Snyder auch dramaturgisch den Gesetzen der Games verpflichtet. Er verzichtet fast ganz auf eine Exposition, die seinen reizenden Sexpüppchen etwas Tiefe und Glaubwürdigkeit verleihen würde und reiht einen optisch spektakulären Höhepunkt an den nächsten. Überlagert werden die tricktechnisch opulenten „Level“ von bekannten Pop-Songs. „Sucker Punch“ schrumpft so zu einem zweistündigen Musik-Clip zusammen. Schillernder, aber auch ermüdender Pop-Eskapismus, bevölkert von abziehbildhaften Protagonisten. Männer sind blutverkrustete Dreckschweinee, Mädchen verruchte Kung-Fu-Top-Models mit Maschinengewehren.
Die Konsolen-Generation mag sich in der künstlichen Bildästhetik und Dramaturgie von Videogames zu hause fühlen. Nostalgisch veranlagte Cineasten, die echtes Kino sehen wollen, werden sich in „Sucker Punch“ hilflos und verloren fühlen.
JB für epd
