THE RITE - DAS RITUAL
(USA, 2011)
Bei dem Exorzismus einer von ihrem Vater vergewaltigten schwangeren Sechzehnjährigen fragt der von Anthony Hopkins gespielte unorthodoxe Pater Lukas seinen zweifelnden Schüler Michael keck: „Was haben sie erwartet? Verdrehte Köpfe und Erbsensuppe?“ Er spielt damit auf die längst ikonografisch gewordenen, grün schleimigen Spuckorgien und ungesunden Körperverrenkungen der 12-jährigen Besessenen Linda Blair aus „Der Exorzist“ von 1973 an. Der Klassiker von William Friedkin ist die böse Mutter aller Teufelsaustreiberfilme. In Deutschland war der Film, in dem ein vom Teufel besessenes Mädchen, das von einem Geistlichen (Bergmann-Darsteller Max von Sydow) per Exorzismus von ihren Leiden befreit wird, lange Jahre auf dem Index. Erst als der Film im Jahr 2000 erneut und erfolgreich als verlängerter „Directors Cut“ vermarktet wurde, hat eine Neubewertung des mit 2 Oscars ausgezeichneten Genre-Klassikers durch die FSK stattgefunden. Seither ist „Der Exorzist“ ist Deutschland ab 16 Jahren freigegeben.
Seit nunmehr 38 Jahren versuchen Horrorfilmemacher mit Sequels und Neuinterpretationen einen ebenso verstörenden Schocker an den Start zu bringen. Erfolgreich sind Exorzistenfilme immer dann, wenn sie gar nicht erst versuchen sich mit dem Original zu messen. Die deutschen Regisseure Hans-Christian Schmid und Daniel Stamm haben beispielsweise mit „Requiem“ (2006) und „Der Letzte Exorzismus“ (2010) ebenso innovative wie preisgünstige Variationen des Themas vorgelegt. Nun versucht sich also Schauspielschwergewicht Anthony Hopkins als Pater Lukas in „The Rite“ in die ausgelatschten Fußstapfen des Exorzisten Max von Sydow zu treten und dem ungläubigen amerikanischen Seminaristen Michael Novak (Colin O`Donoghue) bei einer Exorzistenausbildung im Vatikan die Augen zu öffnen. Der Sohn eines Bestatters (Rudger Hauer) glaubt erst nicht an Gott, und dann, wenn es drauf ankommt, nicht an sich selbst.
Dem schwedischen Regisseur Mikael Hafström („Zimmer 1048“) scheint das Dilemma bewusst, in dem er sich mit diesem neusten Exorzisten-Aufguss befindet. Er muss sich mit dem Original messen, findet aber keinen neuen Zugang zu dem zu oft wiederholten Ritual. Auch Kameramann Ben Davis („Kick Ass“) bemüht die zwar edel aussehenden, aber abgenutzten und immer gleichen Vorbilder. Ein Lichtblick in diesem düsteren Déjà-vu ist der stets routinierte Hopkins, der in der zweiten Hälfte des Films, als auch er von einem Dämon besessen ist, zu mimischer Höchstform aufläuft und dicke schwarze Nägel ausspuckt. Schon bei „Das Schweigen der Lämmer“ konnte man sich davon überzeugen, welch diabolisches Potential in Hopkins schlummert.
An dieser Stelle sei ausdrücklich auch auf die hervorragende Arbeit von Hopkins´ altgedientem Synchronsprecher Joachim Kerzel (spricht auch Jack Nicholson, Dustin Hoffman und Jean Reno) hingewiesen, der in „The Rite“ trotz angeschlagener Gesundheit voll zu überzeugen weiß. In das unheimliche Grollen von Kerzels Stimme hat sich eine Verletzlichkeit geschlichen, die dem desillusionierten Geistlichen Lukas, der plötzlich selbst vom Bösen übermannt wird, zusätzliche Tiefe verleiht.
JB für epd
