X-MEN: ERSTE ENTSCHEIDUNG
(USA, 2011)
Wie die meisten erfolgreichen Superhelden des Marvel-Comic-Universums sind auch die X-Men schon in den 60er Jahren aus der Feder von Firmengründer Stan Lee geflossen. Nach Bryan Singers gelungenen Filmadaptionen „X- Men“ (2000) und „X-Men 2“(2003) sowie den von den Fans mit weniger Enthusiasmus aufgenommenen „X-Men - Der letzte Widerstand“ (2009 von Brett Ratner) und „X-Men Origins: Wolverine“ (2009 von Gavin Hood) wagt sich Regisseur Matthew Vaughn nun mit einem Prequel an die Entstehungsgeschichte der Supermutantenvereinigung. Natürlich kann Vaughn nicht so herrlich respektlos wie in „Kick Ass“ (2010) mit dem etablierten X-Men-Francise umspringen.
Vaughn erzählt mit gebührender Ernsthaftigkeit die tragische Geschichte von Erik Magnus Lehnsherr (Michael Fassbender): Im Verlauf des Films überwirft dieser sich mit seinem Freund und X-Men-Gründer Charles Xavier (James McAvoy) und wird zum Oberbösewicht Magneto. Dem zugkräftigen Publikumsliebling Wolverine (Hugh Jackman), dem in brenzligen Situationen stählerne Klauen aus den Fingerknöcheln sprießen, gesteht Vaughn dabei nur einen ganz kurzen Gastauftritt zu. Auch beweist er Mut, indem er Patrick Stewart und Ian McKellen, die in den bisherigen X-Men-Filmen als seriöse Inkarnationen von Professor Xavier und Magneto überzeugen konnten, gleich ganz aus seinem Film verbannt. Diese Tatsache ließ ältere Fans im Vorfeld befürchten, bei „X-Men - Erste Entscheidung“ könne es sich um einen infantilen Teeniefilm handeln.
Der kleine jüdische Junge Erik muß im Jahr 1944 in einem Konzentrationslager in Polen mit ansehen wie der diabolische Nazimutant Sebastian Shaw (Kevin Bacon spricht auch im Original herrliches Zungenbrecher-Comic-Deutsch!) seine Mutter erschießt um die übermenschlichen Fähigkeiten des begabten Jungen hervorzukitzeln. Erik überlebt den Holocaust und schult fortan mit Hilfe seines telepathischen Freundes Charles Xavier und anderen begabten Jugendlichen seine Fähigkeiten metallische Gegenstände zu manipulieren um sich schließlich an Shaw und dessen Hellfire Club zu rächen.
Superhelden im Kampf gegen Nazis haben in Amerika eine propagandistische Tradition. Schon auf dem Cover des 1941 erschienenen ersten Bilderheftchens von Captain America platziert der in Stars and Stripes gewandete Patriot einen gezielten Faustschlag im Gesicht von Adolf Hitler. Die Verfilmung „Captain America: The First Avenger“ von Joe Johnston kommt am 21. Juli 2011 in die Kinos.
Deutsche Zuschauer zucken zwar immer noch reflexartig zusammen, wenn Szenarien des Dritten Reichs relativ unbekümmert im amerikanischen Popcornkino auftauchen, doch Vaughn hat die unvermeidlichen Superhelden-Trivialitäten gekonnt in reales Zeitgeschehen eingebettet. So berichtet sein Reboot vom ersten gemeinsamen Abenteuer der noch jungen und um Akzeptanz ringenden Mutantenvereinigung, in dem sie 1962 die Kuba-Krise entschärfen. Es war nämlich in Wirklichkeit Magneto, der die Welt vor dem Atomkrieg bewahrte. Er ließ die bereits gezündeten amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenraketen vom Himmel ins Meer purzeln.
Inmitten eines von Superfrauen wie Mystique (Jennifer Lawrence), Angel (Zoë Kravitz) oder Emma Frost (January Jones) bevölkerten, coolen 60er-Jahre-Retro-Ambientes porträtiert Michael Fassbender die innere Zerrissenheit der Figur Magneto mit vollem Ernst. Wenn er wild gestikulierend seine magnetischen Hände in die Kamera hält, um das mächtige U-Boot mit dem Naziverbrecher aus den Tiefen des Meeres zu ziehen, verlagert sich immer wieder die Schärfe auf sein von Hass und Trauer zermürbtes Gesicht. Denn „X-Men - Erste Entscheidung“ ist nicht nur ein Film über strahlende Supertypen, sondern auch über traumatisierte Superopfer.
JB für epd
