DIE BESTIE VON FUKUSHIMA

Ein Unterseebeben im Pazifik löst eine gewaltige Flutwelle aus, die das Küstengebiet im Norden Japans verwüstet. Im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi kommt es daraufhin zu einem Störfall. Augenzeugen wollen ein urzeitliches Monster gesichtet haben, das für die Explosion im Reaktorgebäude 1 verantwortlich ist. Experten befürchten einen atomaren Super-GAU. Aufgeladen mit atomarer Energie könnte auch dieses Wesen, sofern es tatsächlich existiert, zu einer Bedrohung für die Millionenmetropole Tokio werden.

Vor dem Hintergrund der Erdbeben-, Tsunami- und Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 wirken populäre japanische Monster- und Katastrophenfilme wie „Godzilla - die Rückkehr des Monsters“ (1984) oder „Sinking of Japan“ (2006) nahezu prophetisch. All die in den Nachrichtenbildern dokumentierten Schreckensszenarien wurden im Film längst vorweggenommen und durchlebt. Vielleicht resultiert daraus auch die Disziplin der Japaner gegenüber der realen Katastrophe. Für sie sind erweckte Urweltmonster wie Godzilla viel mehr als nur Metaphern für den Weltuntergang. Das Hörspiel dokumentiert die Ereignisse um den 11. März 2011 unter besonderer Berücksichtigung des „Monsters“ als Sinnbild für die Katastrophe.

Pressestimmen

Im Zuge der Fukushima-Katastrophe nahm der WDR vergangenes Jahr Jörg Buttgereits GREEN FRANKENSTEIN aus dem Programm. Knapp ein Jahr später sahen die Verantwortlichen das Problem nicht mehr so eng - das neue Hörspiel DIE BESTIE VON FUKUSHIMA durfte im Frühjahr auf Sendung gehen. Das dramaturgische Konzept ist außerordentlich interessant. Die Zuhörer werden schlagartig in die Illusion einer aktuellen Brennpunktsendung im Rundfunk hineingezogen. Anlass des Spezials sind die dramatischen Naturkatastrophen in Japan, mithin der anschließende nukleare Supergau. Buttgereit nimmt den Begriff der „Monsterwelle“ dabei wörtlich, denn die Ursache der Katastrophen ist ein monströser Fisch. Der Legende nach kommt es immer dann zu Erdbeben, wenn dieser seine voluminösen Fühler bewegt...

Im Stile einer Live-Reportage werden Experten interviewt und Augenzeugen berichten fassungs- und orientierungslos von den grausigen Geschehnissen. Durch die Sendung führt routiniert eine Moderatorin. Am Ende wird der Bezug zum klassischen japanischen Monsterfilm überdeutlich. Als Filmmonster-Experte tritt Jörg Buttgereit auf, hier stimmlich durch Oliver Stritzel vertreten, der darauf hinweist, dass sich die japanische Kultur beziehungsweise Filmkultur schon immer mit der Katastrophe auseinandergesetzt habe.

Das Hörspiel lebt von den Ebenen des Fiktiven und des Realen. Die Erklärung der Katastrophe durch den Riesenfisch tritt dabei erstaunlicherweise sehr bald in den Hintergrund. Es geht vielmehr um das Wesen der japanischen Kultur, um die Nachteile allzu euphorischer Technikgläubigkeit. Buttgereits Absicht ist nicht die politisch korrekte Aufschlüsselung der Hintergründe, sondern der kindlich-naive Wunsch eines Träumers. Die Struktur seiner Hörspielerzählung offenbart, wie in vorindustriellen Zeiten Märchen und Mythen, Sagen und Legenden gerade durch die mündliche Überlieferung entstanden. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor und Regisseur den Verlust der erstaunten und fragenden Unschuld aus vollstem Herzen bedauert. Zu spüren ist die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen in einer immer komplizierter zu verstehenden globalen Welt. Wenn schon die atomare Weltvernichtung droht, dann lieber durch ein knautschiges Toho-Monster! DIE BESTIE VON FUKUSHIMA ist sicherlich das bislang persönlichste Hörspiel Buttgereits.

Gerd Naumann in "Splatting Image"

Stabangaben:

Mit:
Cathlen Gawlich
Bernhard Schütz
Fumio Okura
Claudia Urbschat-Mingues
Oliver Stritzel
Akiko Fujino
Wolfgang Kondrus
 u. a.

Buch und Regie: Jörg Buttgereit
Musik: André Abshagen
Regieassistenz: Julia Wolf
Technische Relisation: Jonas Bergler
Produktion: WDR 2012,  53 Min.
Redaktion: Natalie Szallies