HORROR ENTERTAINMENT
Nicht erst seit Filmen wie „Kill Bill“, sind Gewaltdarstellungen im Kino ein Thema. Dabei nimmt die fiktive Gewalt ständig zu. Längst gibt es nicht nur die blutigen Gemetzel in Splatter- oder Horrorfilmen, die Brutalität ist in Hollywood oder in künstlerisch anspruchsvollen Produktionen angekommen und wird kassenwirksam vermarktet und konsumiert. Doch wieso werden Bilder mit dieser Direktheit und in diesem Ausmaß in Szene gesetzt, und warum gucken wir uns das an? Gibt es eine Grenze dessen, was gezeigt werden sollte, und wer soll das entscheiden? Jörg Buttgereit, selbst Filmemacher und Filmkritiker, eröffnet sein Testkino und fragt Freiwillige nach dem Widerspruch zwischen guter Unterhaltung und Ekel.
Pressestimmen:
Der erste Schnitt in der Geschichte des Horrorfilms ging durch das Auge: 1924 drehten Luis Bunuel und Salvador Dali in "Ein andalusischer Hund" einen der wirkungsmächtigsten Schockmomente des Kinos. Die Schnitte in Alfred Hitchcocks "Psycho" (1960) gingen lediglich durch das Bewusstsein des Zuschauers. Anders in Herschell Gordon Lewis' Film "Blood Feast", einer Trashvariante von "Psycho" aus dem Jahr 1963, wo einer Frau in der Badewanne das Auge herausgeschnitten wurde.
Die hier genannten Beispiele zählten zu einem Bündel von Filmausschnitten, denen sich die Augen von fünf Probanden für Jörg Buttgereits Hörfeature "Horror Entertainment" aussetzen mussten. Die fünf, allesamt Mitte 30 und im Kulturbetrieb beschäftigt, wurden nach jedem Filmausschnitt darüber beiragt, was sie gesehen hatten. Aus dieser einfachen Konstruktion entwickelte sich das Feature fast von selbst. Nicht zuletzt weil die Gesprächspartner kompetent über ihren Gegenstand zu reden wussten. So analysierten der Kulturwissenschaftler Stefan Höltgen und der Filmkritiker Marcus Stiglegger die unterschiedlichen Filmsprachen, die sich vor allem in der Perspektive zeigen.
Liegt der Horror bei "Psycho" im Auge des Betrachters, so kommt er in "Blood Feast" aus der voyeuristischen Täterperspektive, um schließlich in Kubricks "Clockwork Orange" eine perfekte Ambivalenzstruktur aufzubauen, die den gequälten Alex ebenso als Opfer wie auch als Täter zeigt. George Romeros Zombiefilm "Day of the Dead" (1985) mit seiner ausgefeilten Ästhetik der Wunden und Verstümmelungen macht sichtbar, dass der Mensch aus Fleisch und Blut, Gedärm und Gekröse besteht; dieser Film ist einer der meistzensurierten in Deutschland. Ob der grotesken Übersteigerung fällt eine distanzierte Betrachtung relativ leicht. Ganz anders bei Gaspar Noes "Irreversible" (2002), dessen Bildern einer ungeschnitten und in Echtzeit abgefilmten Vergewaltigung sich Buttgereits Probanden kaum entziehen konnten. Der dokumentarische Gestus setzte sogar teilweise die stereotype Selbstversicherung: "Es ist nur ein Film, es ist nur ein Film ..." außer Kraft.
Am Ende des 55-minütigen Features hatte man viel Kluges über das Genre des Horrorfilms und dessen Rezipienten gehört, ergänzt durch wunderbar trashige Werbetrailer aus den 70er Jahren. Den Straftatbestand der Gewaltverherrlichung (§ 131 StGB) konnte keiner der Filmbetrachter entdecken, obschon "Blood Feast" im April 2004, 40 Jahre nach der Uraufführung, genau deswegen beschlagnahmt wurde. Wenngleich sich gerade die Schrecken des Realen in Bildern von amerikanischen GIs manifestierten, wie sie grinsend irakische Gefangene foltern, fehlte Buttgereits Feature nicht so sehr eine fundierte Gegenposition zum permissiven Umgang mit Gewaltbildern, sondern vielmehr einfach ein schlechtes Beispiel. Vielleicht hätte sich "Die Passion Christi" dafür angeboten, aber Buttgereits Screenings waren schon vor dem Start von Mel Gibsons umstrittenem Kinofilm (18.3.04) abgeschlossen. So wurde als Maximum der Kritik des versammelten Sachverstandes nur in einem Fall der Tatbestand der "Gewaltverniedlichung" festgestellt: anhand eines explodierenden Bösewichts in einem James-Bond-Film.
Jochen Meißner
Stabangaben:
Buch und Regie: Jörg Buttgereit
Testpersonen: Stefan Höltgen, Marcus Stiglegger, Jenni Zylka u.a.
Technische Realisation: Jonas Bergler
Redaktion: Leslie Rosin
Produktion: WDR 2004, 55 min.
