GREEN FRANKENSTEIN und SEXMONSTER!

Ein Abend, zwei Geschichten: Die erste, GREEN FRANKENSTEIN, spielt in Japan. Im Hafen von Hiroshima wird ein Schiffbrüchiger angeschwemmt. Der Mann erzählt von einem riesigen Monster, das die Besatzung seines Fischerbootes gefressen hat. Dieses Wesen hat sich in den Tiefen des Meeres innig mit der Natur verbunden. Es sieht den Menschen als Feind, der durch Umweltverschmutzung und Industrialisierung das ökologische Gleichgewicht der Erde gefährdet.

Die zweite Geschichte, SEXMONSTER!, entführt die Zuschauer nach New York in einen Sumpf aus Schmuddelkinos, Bars und Prostitution. Adam und Dick sind schon lange Freunde. Doch was Adam an Dick neidisch macht, ist dessen Erfolg bei Frauen. Gerüchte vom größten Penis der Schule machen die Runde. Als Dick an einem merkwürdigen Virus stirbt, lässt sich Adam von Dr. Cockburn Dicks Penis transplantieren. Anstelle eines tollen Liebhabers wird aus ihm jedoch ein triebgesteuertes Sexmonster ...

In einem Grenzgang zwischen Live-Hörspiel, Theater und Film entführt Buttgereit die Zuschauer in die Welt der Bahnhofskinos der 70er Jahre, die mit ihren Nonstop Sex- und Katastrophen-Filmen einen zwielichtigen Ruf genossen.

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Ob eine Dreiecksbeziehung mit Leiche, Blutorgien oder das kampfbereite Hirn von Hitler – der als Trash-Papst gefeierte Arthouse-Horrorfilmregisseur Jörg Buttgereit hat eine Vorliebe für Themen, die unsere Gesellschaft lieber verdrängen würde. Der Dortmunder Schauspieldirektor Kay Voges hat diesen Grenzgänger engagiert, mit dem Double-Feature „Green Frankenstein“ und „Sexmonster“ die Studio-Saison zu eröffnen. Mut, der sich gelohnt hat.

Jörg Buttgereit hat eigentlich Unmögliches möglich gemacht: Trash-Kultur im Theater, Film auf der Bühne, japanischer Monsterfilm ohne Monster, schmieriges Zitat der Sexploitation-Filme aus den 70ern ohne Nacktheit – der Regisseur bricht in jeder Hinsicht mit Erwartungen und Konventionen. Und hat stattdessen ein Konzept entwickelt, das so folgerichtig wie unterhaltsam ist, dass es sich auf weitere Theaterabende übertragen ließe:

Ausgangspunkt für die beiden Stücke „Green Frankenstein“ und „Sexmonster“ sind von Buttgereit geschriebene Hörspiele. Die Idee des „Kopfkinos“ setzt er konsequent um, indem er die Schauspieler in einem schmuddeligen Bahnhofskino agieren lässt, ständig wechselnd zwischen Zuschauer und Figur, mit Mikrofonen in der Hand und Text, der auf der Leinwand mitläuft. So spiegelt Buttgereit nicht nur Zuschauer mit Zuschauern. Er sorgt auch dafür, dass das, was wir sehen, hauptsächlich aus uns selbst kommt.

Und das ist bei den verhandelten Themen eine starke Grundsituation: „Green Frankenstein“ erzählt von einem wütenden Monster in Hiroshima, das die Menschen vernichten will, weil sie das ökologische Gleichgewicht gefährden. „Sexmonster“ entführt in das zwielichtige New York, wo der Außenseiter Adam seine Chance wittert, als ihm der riesige Penis seines verstorbenen Freundes transplantiert wird. Doch anstelle eines erfolgreichen Liebhabers wird er zum triebgesteuerten Sexmonster.

Köstlich, wie die Schauspieler – Sebastian Graf, Bettina Lieder, Uwe Schmieder und Annika Meier, Christoph Jöde – sich in diese Abenteuer stürzen, die schrägsten mimischen Varianten testend, musikalisch brillierend, zur Beatbox mutierend, jede Situationskomik auskostend. Der Clou ist die Live-Performance des Geräuschemachers Dieter Hebben: Als er bei der Penistransplantation eine Porreestange ansägt, winden sich die männlichen Zuschauer.

So schräg, witzig, ungewöhnlich ist dieses dennoch cineastische Erlebnis, dass sich das Publikum schier ausschüttet vor Lachen. Unter all dem Trash und der Komik aber versteckt Buttgereit einen überraschend moralischen Subtext: Der Mensch, der sich gegen die Natur stellt und als Gott aufspielt, ist schließlich ein altes (Film)-Thema.

Nadine Albach

Interview

Vier Fragen an Jörg Buttgereit, Autor und Regisseur des Theaterstücks GREEN FRANKENSTEIN und SEXMONSTER!, das am 24. September 2011 im Theater Dortmund Premiere feiern wird

Du bist bekannt als Regisseur und Autor diverser Arthouse-Horrorfilme und als Filmkritiker. Nun also Theater – warum?

Mich reizt das Live-Moment. Film ist ja eine Konserve. Man dreht immer nur einzelne Einstellungen einer Szene, die dann erst im Schnitt einen Fluss ergeben. Dieser Herstellungsprozess ist auf Dauer ermüdend. Hinzu kommt, dass man die Szenen wild durcheinander dreht. Beim Theater habe ich beim Proben schon die Illusion des Gesamtproduktes vor Augen. Das Stück dann jeden Abend neu zu erschaffen hat natürlich seinen Reiz. Das ist unkalkulierbarer, spannender.

Gemeinsam mit dem Schauspiel Dortmund entwickelst du nun zwei Uraufführungen an einem Abend. Woher nimmst du deine Inspiration?

Ich war mit meinen Arbeiten in den bereichen Spielfilm, Dokumentarfilm, Hörspiel und Theater schon immer Grenzgänger. Grundsätzlich bleibe ich meinen Themen treu. Auch im Theater verhandele ich Filmthemen. Ich bin im Kino aufgewachsen. In Nachmittagsvorstellungen von Bezirkskinos. Der triviale japanische Monsterfilm und schmieriges amerikanisches Sexploitation-Kino der 70er Jahre sind die Inspirationsquellen für diese Arbeit. Das lässt sich unmöglich auf einer Bühne inszenieren. Aber genau das reizt mich.

Worauf darf sich das Publikum denn freuen?

Auf ein ungewöhnliches Aufeinandertreffen von sogenannter Trash-Filmkultur und seriösem Theaterambiente. Da entsteht ein Spannungsfeld, das neben dem Theaterpublikum hoffentlich auch ein Filmpublikum ins Theater lockt.

In GREEN FRANKENSTEIN geht es um Japan und ein Monster, das an den Küsten verheerende Schäden anrichtet. Der WDR wollte die Geschichte, die du bereits als Hörspiel produziert hattest, nach Fukushima nicht mehr senden.

Der WDR hatte Angst, dass mein Hörspiel kurz nach der Katastrophe als pietätlos empfunden wird. Das war für mich durchaus nachvollziehbar. Als sozio-politische Metaphern geben Japans Filmmonster jedoch bis heute einen tiefen Einblick in die japanische Kultur. Godzilla war 1954 ein Kino-Manifest gegen den Einsatz von Nuklearwaffen, das Japan damals an die gesamte Welt richtete. Ganze Generationen wurden durch die Monster, die letztlich symbolische Kreuzungen aus Atomangriffen und Flutwellen sind, sozialisiert.

Das Gespräch führte Alexander Kerlin