GREEN FRANKENSTEIN

Im Hafen von Hiroshima wird ein Schiffbrüchiger angeschwemmt. Der verwirrte Mann erzählt von einem riesigen Monster, dass sein Fischerboot angegriffen und die Besatzung gefressen hat. Als der amerikanische „Frankenstein-Experte“ Russ Adams (Rainer Brandt) und die smarte japanische Strahlenforscherin Takako Mizuno (Akiko Fujino) von dem Vorfall erfahren, werden sie hellhörig. Hatten sie doch vor Jahren ein durch Atombombenstrahlung mutiertes Frankenstein-Monster aufgezogen, das jedoch bei einem Erdbeben von der Erde verschluckt wurde.

Dr. Adams kommt zu dem Schluss, dass sich aus Zellresten ihres Frankenstein-Wesens, die ins Meer gelangt sind, ein neuer „Green Frankenstein“ entwickelt haben muss. Dieses bösartige Wesen hat sich in den Tiefen des Meeres innig mit der Natur verbunden, so das es den Menschen als natürlichen Feind ansieht, der durch Umweltverschmutzung und Industrialisierung das ökologische Gleichgewicht der Erde gefährdet...

Pressestimmen:

Die Wiederkehr gehört zum ‚Kaiju Eiga’ wie der Monsterkampf und sein mythischer Überbau. Vor allem seit der Infantilisierung des Genres in den 60er Jahren hauen liebe und böse Riesenviecher in Vertretung der Menschen und einer meist selbst geschaffenen Globalgefahr auf einander ein. Konsequent steht die Titelkreatur in Jörg Buttgereits GREEN FRANKENSTEIN denn auch gleich für die amoklaufende Natur selbst, die sich endlich vom Menschen befreien will, der ja nur den Planeten kaputt macht. Farbe verpflichtet.

Fast zehn Jahre nach seinem Hörspiel FRANKENSTEIN IN HIROSHIMA, das sich recht unverblümt an Ishiro Hondas Klassiker FURANKENSHUTAIN TAI BARAGON (1965) anlehnte, folgt Jörg Buttgereits neue Großproduktion natürlich auf den Pfaden von (u.a.) dessen Fortsetzung FURANKENSHUTAIN NO KAIJU – SANDA TAI GAILAH (1966). Jahre nach dem vermeintlichen Tod des alten Frankenstein-Wesens haben sich aus dessen Zellen gleich zwei neue entwickelt, die bald schnaubend auf einander losgehen. Aber der Weg zur Vernichtung des bösen, großen Grünen ist steinig und erfordert den gemeinsamen Einsatz eines Mecha-Frankenstein mit weiblichem Menschenhirn und einer, den DAIMAJIN-Filmen entlehnten, Inkarnation des Geistes des heiligen Berges Fuji-San.

„Ein pädagogisches Monster-Hörspiel“ nennt sich das Stück, was sich vor allem in einer Fülle eingestreuter lexikalischer Fußnoten ausdrückt, die während der Zertrampelung Japans über das Monster als Metapher des Hemmungslosen, den Roboter-Mythos nach Erich Fromm oder auch schon mal über die geniale Emanzipation der Geschlechter im Unisex-Cyborg meditieren. Das darf man sicher auch als Hommage an Douglas Adams’ HITCHHIKER’S GUIDE TO THE GALAXY verstehen, an den auch die poetischen Monster-Monologe erinnern. Überhaupt steht GREEN FRANKENSTEIN mit im Zenit des postmodernen Zitats im deutschen Science-Fiction-Hörspiel.

Mehr sogar noch als im Vorgänger werden hier die Motive aus sechs Jahrzehnten Monsterfilm Bestandteile einer großen Collage und bekommen dabei ein selbstironisches Eigenleben; die Figuren tragen die Namen bekannter Genre-Darsteller und werden von Synchronsprechern verkörpert, deren Stimmen selbst zu Ikonen des populären Kinos wurden. Und der Medientransfer gelingt tatsächlich so spielerisch wie fulminant. Mit der das donnernde Kampfgeschehen begleitenden Figur des Live-Reporters vor Ort nutzt Buttgereit denselben klugen dramaturgischen Trick wie schon Orson Welles in THE WAR OF THE WORLDS. Und die genüsslich überinszenierten Dialoge („Das klingt schockierend!“ – „Das mag sein!“) setzen dem Ganzen noch ein wahres Sahnehäubchen auf.

Bodo Traber

Neumann, Buttgereit, Brandt

Stabangaben:

Buch und Regie: Jörg Buttgereit

Sprecher:
Dr. Russ Adams: Rainer Brandt
Green Frankenstein: Jürgen Thormann
Takako Mizuno: Akiko Fujino
Akira: Viktor Neumann
Pädagoge: Wolfgang Condrus
Haruka Fukuda: Cathlen Gawlich
Alter Mann: Peter Groeger
Kenji: Robert Kreuzaler
Fischer: Toru Takahashi

Regieassistenz: Julia Wolf
Technische Relisation: Jonas Bergler
Redaktion: Natalie Szallies
WDR 2011, 56 min. / 53 min.